Zum Hauptinhalt springen

Die Tradition des «Abusitz» wiederbelebt

An der Erzählnacht soll in Kindern die Lust am Lesen geweckt werden. Die Schule Rafz hat sich an der schweizweiten Aktion beteiligt.

Von Heinz Zürcher Rafz – Der Wind saust über den Pausenplatz des Schulhauses Schalmenacker, pfeift durch die Türspalten, schleudert Regentropfen gegen die Fensterscheiben. In den Klassenzimmern ist es dunkel an diesem Freitagabend. Nur da und dort flackert ein Kerzenlicht, beleuchtet ein Kindergesicht oder spiegelt sich in den staunenden Augen. Kleine Hände umklammern Kissen, die Gedanken tief in den Geschichten. Es ist Erzählnacht. Nicht nur in Rafz. Vielerorts haben sich an diesem Abend Kinder versammelt, um aus Worten eigene Bilder zu kreieren und das Kino im Kopf in Gang zu bringen. Was mittlerweile in vielen Schweizer Gemeinden auf die jährliche Agenda gehört, hat seinen Ursprung im Oberwallis. 1990 initiierte dort ein Lehrer eine Märchennacht, um die Tradition des «Abusitz» wiederzubeleben. Was geheimnisvoll klingt, ist nichts weiter als eine Variante eines jahrhundertealten menschlichen Rituals. Man kommt zusammen und erzählt sich Geschichten. In der Form des «Abusitz» vorzugsweise in einer Stube vor dem Holzofen. Bald findet die Idee des Walliser Lehrers viele Nachahmer. Dank der Unterstützung des heutigen Schweizerischen Instituts für Kinder- und Jugendmedien verbreitet sie sich im ganzen Land. Zusammen mit Bibliomedia Schweiz und Unicef Schweiz leitet das Institut die Erzählnacht. Ziel des Projekts ist es, in Kindern und Erwachsenen die Freude am Lesen zu wecken. Bestenfalls in einer Umgebung und Atmosphäre, die den Beteiligten positiv in Erinnerung bleibt und ihnen so den Zugang zur Lektüre erleichtert. Im «Geschichtenwald» Im Schulhaus Schalmenacker nutzten am Freitag 61 Kinder das Angebot – vom Erstklässler bis zur Sechstklässlerin. Das ist gut die Hälfte aller Schüler in Rafz. Zehn Räume stehen ihnen offen, in denen Lehrerinnen und Mütter die Kinder in den «Geschichtenwald» entführen, dem diesjährigen Motto der Erzählnacht. Im Dunkeln begegnen sie dem Räuber Knatter-Ratter, im kubanischen Urwald einem wunderschönen Papagei, um sich kurz darauf mit einem abgestürzten Piloten durch die kanadische Wildnis zu kämpfen. In einem der Räume zeichnen und basteln die Schüler die «Wilden Kerle» aus dem gleichnamigen Kult-Kinderbuch nach. In einem andern verschliessen sie die Augen und hören die Geschichte der «Zauberflöte». «Mir hat die Schatzsuche am besten gefallen», sagt Nico. Er begleitete Kinder durch ein Abenteuer, musste Rätsel lösen und durfte am Ende selbst nach einem Schatz suchen. Das gefundene Stück Schokolade hat er bereits verputzt. Nun schnappt sich der Zweitklässler nach dem zweistündigen Hör- und Leseparcours ein Gebäck in Tannenzapfenform. Derweil nippt Manuel an einem Waldbeerentee. Der Erstklässler schwärmt von den gefährlichen Rittern, denen er nicht nur in einer Geschichte, sondern auch in Form von Spielfiguren begegnet ist. Während sich Manuel noch ein wenig mit seinen Schulkameraden austauscht, entschwindet Maren mit einer Zeichnung in die Nacht. Die Zweitklässlerin hat eine Gespenstergeschichte gehört – und dazu ein freundliches und ein böses Gespenst gemalt. Sie will die Zeichnung in ihrem Zimmer aufhängen. Und wer weiss, vielleicht noch kurz vor dem Einschlafen mit Buch und Taschenlampe unter die Decke kriechen. Die Schweizer Erzählnacht findet immer am zweiten Freitag im November statt. Informationen unter www.sikjm.ch. Gebannt lauschten die jungen Zuhörer den Geschichten.Foto: Heinz Zürcher

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch