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Dürstelen soll kein Freilichtmuseum werden

Der Heimatschutz kritisiert Gemeinden wie Hittnau, wo schutzwürdige Häuser verfallen oder verlottern, ohne dass die Behörden eingreifen.

Hittnau. - Steil bergauf führt der Weg nach Dürstelen - auf 766 Meter über Meer. 170 Menschen wohnen hier dicht an dicht in Flarzhäusern. Manche Mauern sind frisch geweisselt, durch alte Holzscheunen bläst der Wind. Ein Traktor mit Anhänger zwängt sich in eine schmale Gasse, und Ausflügler gönnen sich in der Pizzeria Sunneberg eine Pause. Das Ortsbild des Hittnauer Weilers ist geschützt und von nationaler Bedeutung. Wer sich derzeit im Dorf umsieht, über Häuser spricht und diese fotografiert, bleibt nicht lange unbemerkt. «Sind Sie vom Heimatschutz?», werden die Besucher gleich gefragt. Und die Dürsteler tippen richtig. Auf Einladung des TA erklärt der Interimspräsident des Zürcher Heimatschutzes, Ulrich Ruoff, welche Bauten aus seiner Sicht geschützt werden müssten.

Seit die Gemeinde Hittnau entschieden hat, fast 50 Objekte aus dem kommunalen Inventar für schützenswerte Bauten zu entlassen, ist Heimatschutz in Dürstelen auch zum Dorfgespräch geworden. Im Hittnauer Weiler soll nur noch die Hälfte aller einst aufgenommenen Bauten im Inventar verbleiben (s. Grafik). Was für den Heimatschutz ein Gräuel ist, käme vielen Hausbesitzern gelegen. «Ein bisschen Heimatschutz ist schon schön», sagt Werner Graf. «Aber man kann es auch übertreiben. Ich muss ja noch im Haus wohnen können. Alte Bauten kann man sich auch im Freilichtmuseum Ballenberg ansehen.» Graf bewohnt eines der Flarzhäuser, das jetzt aus dem Inventar entlassen werden soll. Einzelne Teile am Äusseren und der Dachstock mit charakteristischen Holznägeln stammen wohl aus dem 17. Jahrhundert. Mit Denkmalschutz und mühseligen Auflagen bei Umbauten kennt sich Graf deshalb aus. In diesem konkreten Fall würde sich Ruoff nicht einmal gegen die Entlassung aus dem Inventar wehren. «Das Haus war einmal ein wichtiger Zeuge», sagt der Experte, der 38 Jahre lang in Zürich als Stadtarchäologe tätig war. Durch verschiedenes Flickwerk habe das Haus seinen Charakter aber vollständig verloren. Balkone hätten an Flarzhäusern zudem nichts zu suchen. «Hier wurden zu viele Umbauten bewilligt, das sollte nicht passieren», so Ruoff. Auch aus dem Restaurant Sunneberg, der Pizzeria, ist aus der Sicht von Ruoff durch den Umbau ein «Pseudo-Ding» geworden. Das Vordach sei unpassend, die Holzfenster zu «Chichi» verkommen. In Ordnung findet er lediglich die Vordachstützen, sie blieben unangetastet.

Neubauten ohne Charme

Weil es im Nachhinein immer zu spät sei, plädiert Ruoss dafür, dass Kunsthistoriker jeden einzelnen Fall vertieft prüfen. Auf die wiederholte Frage, wer für die Kosten der Gutachten und später für die aufwendigen Umbauten aufkommen soll, weicht er aus. Für das Planungsbüro, das Hittnau berät, ist allerdings klar, «dass es aus Zeit- und Kostengründen nicht möglich und auch nicht sinnvoll ist, die Schutzwürdigkeit aller Einzelobjekte im Detail zu überprüfen».

Das Potenzial einer Scheune an der Sunnenhaldenstrasse bleibt laut Ruoss unerkannt, wenn es mit dem Notensystem bewertet wird, das Hittnau anwendet. Der Scheune sind schon einige Holzlatten abhanden gekommen, anstelle der Fensterläden klaffen Löcher. Der Charme des Gebäudes zeigt sich noch in herzförmigen Verzierungen und einem Eisenschloss mit Riegel. «Stellen Sie sich hier einen Neubau vor, bei dem lediglich noch die Umrisse an die Scheune erinnern», sagt Ruoff. «Dann ist in 20 Jahren nichts mehr vom historischen Dürstelen erhalten.»

Paradoxerweise führen die Schutzbemühungen manchmal so weit, dass Hausbesitzer ob der besonders aufwendigen und teuren Umbauten resignieren und Objekte verfallen lassen. «Das ist leider Taktik», sagt der Experte. Ein Wohnhaus an der Fälmisstrasse könnte ein solcher Fall sein. Es ist von Obstbäumen umringt. Brennnesseln erstrecken sich in den Keller, wo früher einmal Webstühle gestanden haben. Die Steinmauer ist mit Lehm verputzt, und das Haus hat eine «fantastische Fensterreihe», schwärmt Ruoff. Und doch lasse sich nicht alles retten, auch wenn ein neuer Käufer den Willen dazu aufbringe. «Vielleicht ist der Zug hier schon abgefahren.»

Diese Scheune an der Sunnenhaldenstrasse ist nicht mehr im besten Zustand. Doch der Charme des Gebäudes zeige sich in Details, findet Heimatschützer Ulrich Ruoff.

Auf einem Rundgang durch Dürstelen beklagt Ulrich Ruoff vom Zürcher Heimatschutz den laschen Umgang der Gesellschaft mit historischen Bauten.

Die Fassade dieses Flarzhauses bezeichnet Ruoff als Flickwerk, das Gebäude habe dadurch seinen Charakter verloren. Deshalb hat der Heimatschützer nichts gegen die Entlassung einzuwenden.

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