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Eine Uetiker VIP-Loge mit Blick auf den See

Unmittelbar neben dem Hafen von Uetikon entsteht zurzeit ein exklusives Seehaus: zum See hin weit offen, hinten zugeknöpft. Aber rundum hochmodern.

Uetikon. - Das Gebäude an der Uetiker Seestrasse wirkt nüchtern und etwas abweisend - ein formal durch schräge Linien gebrochener, gedrittelter Betonsolitär beim Uetiker Hafen. Auf den ersten Blick scheint es von der Seestrasse her so, als hätte ein verspielter Designer drei flache, in pigmentierten Sichtbeton gekleidete Schachteln aufeinandergelegt und es dem Zufall überlassen, wie weit er sie verschieben will. Die massive Kubatur des Hauses hat der Architekt damit aufgelöst.

Ein zweiter Blick zeigt ein klar strukturiertes Ensemble, das aus dem knappen Grundstück herausholt, was es hergibt. Das Terrain ist zwar dreimal so gross wie das Haus, doch die sogenannte Seelinie verlangte auf dieser Parzelle 30 Meter Abstand zum Wasser. Die Südfassade wirkt nun mit ihren grossen, gerahmten Glasfronten wie eine VIP-Loge vor der Seearena.

Von der Seestrasse her kann die Fassade, deren Länge die Fensterfronten schmal wirken lässt, allerdings auch an einen konstruktivistischen Bunker erinnern, deren Bewohner sich hinter Schiessscharten verbergen. Im Inneren ist davon natürlich nichts zu spüren: Die Sicht auf den See ist phänomenal. Irritierend wirkt nur das etwas kleinkarierte Raumprogramm: Die vielen einzelnen Zimmer erfüllen das äusserliche Versprechen der Grosszügigkeit nicht. Die Struktur des Hauses ist jedoch so angelegt, dass die einzelnen Zimmer jederzeit zugunsten eines einzigen grossen Raumes pro Geschoss eliminiert werden könnten.

Gegen Architektur der Abschottung

Vorn ist das Haus also offen, hinten sehr verschlossen. Ja, sagt der Architekt Wim Eckert, 40, vom Zürcher Büro E2A, das Haus stehe mit dem Rücken zur Seestrasse an einer exponierten Lage. Schon die Lärmschutzvorschriften geböten für Wohnhäuser an der viel befahrenen Hauptverkehrsachse eine massive Bauweise. «Schalldichtes» Fensterglas vermöge Lärm bis zu 42 Dezibel abzuschirmen, eine geschlossene Wand bis zu 65 dB.

Das Architekturbüro e2a, das Wim Eckert seit 1997 mit seinem Bruder Piet betreibt, hat im Bezirk Meilen schon zahlreiche Objekte gebaut, darunter zwei Terrassenhäuser und die Seehäuser in Meilen, ein doppeltes Hanghaus, das sich wie eine eckige Moebiusschleife in die Wiese schmiegt, eine grosse Villa in Zumikon und eine in Herrliberg, die aussieht wie liegende, passgenau ineinandergesteckte Kuben. Auch für das erweiterte Schulhaus Obstgarten und die neue Aula in Stäfa zeichnet das Büro e2a verantwortlich.

Abschottende Architektur ist sonst nicht Eckerts Ding, wie sich an seinen drei «Seehäusern» bergseits der Seestrasse in Meilen zeigt. Auch hier sei zwar viel Seesicht erwünscht gewesen: «Das ist das Hauptverkaufsargument, die sind alle ganz versessen darauf.» In Absprache mit dem Bauherrn hat er aber darauf geachtet, dass schon räumlich kein Gärtchendenken einsetzen kann. Die Häuser sind vom Boden abgesetzt, sodass der parkähnliche Garten mit seinen alten Bäumen ein gemeinsamer Raum bleibt: «Grilliert wird hier auf den Terrassen. Wären die Parterrewohnungen ebenerdig angelegt, würde sich jeder seine Ecke schaffen und die Privatsphäre vielleicht noch mit einem Zaun oder einer Hecke verteidigen.»

Das «private» soziale Empfinden

Die an der Goldküste vorherrschenden Terrassenhäuser mit Attika sind für Eckert kommerzielle Allerweltsarchitektur und Steine des Anstosses. Wegen der Seesicht werde jeder Stock davon nur hangabwärts geöffnet, links und rechts werde baulich wie mit Scheuklappen ausgeklammert. «Diese Architektur entspricht der Privatisierung des sozialen Empfindens», sagt Eckert. Er bestätigt damit von der architektonischen Seite her das Phänomen der Schlafdörfer am See, in denen sich immer weniger Einwohner für das Gemeinwohl einsetzen und die Feuerwehr sowie Vereine Rekrutierungsschwierigkeiten haben.

Eckert würde es deshalb begrüssen, wenn die Gemeinden zukunftsweisende Agenden für die Siedlungspolitik entwickeln würden. Es brauche mehr gemeinsame Räume - «etwa Pärke und Strassen, die breiter sind als heute und auf denen sich spielen lässt». Die Bau- und Zonenordnungen der Gemeinden genügten jedenfalls nicht, um die sozialen Funktionen von Räumen und Bauten sowie deren Ästhetik zu garantieren.

Mehr Raum- statt Bauplanung

Als Beispiel führt Eckert Beverly Hills in Los Angeles an. Nicht ein Bau, sondern die Landschaft habe dort die Initialzündung zur Siedlungsentwicklung gegeben: «Zuerst haben die Behörden einen öffentlichen Park entworfen und erst dann Bauparzellen verkauft.» In der Schweiz gebe es 25 bis 30 verschiedene Bauzonenarten, für die Freiräume nur Wald und Freihaltezonen. Bei Ausschreibungen gehe es auch fast immer nur um Bauten, nicht um die Freiräume. «Diese werden sträflich vernachlässigt. Wenn es so weitergeht, haben wir am Schluss den amerikanischen Albtraum: Jeder besitzt seine eigene Sackgasse, weil er seine Ruhe will.»

Vielleicht sei es Zeit, «mal irgendwo etwas Vierstöckiges hinzustellen, damit der Rest frei bleibt», sagt Eckert. Um das Einverständnis der Bauherren zu gewinnen, dass sie Raum für die Allgemeinheit schaffen, brauche es Anreize für die Privaten: «Man könnte ihnen zum Beispiel als Benefit eine höhere Ausnützung gewähren unter der Voraussetzung, dass sie der Öffentlichkeit etwas zurückgeben.»

Vom See her wirkt die Fassade dank den Glasfenstern schmal und luftig, von der Seestrasse her fühlt man sich dagegen an einen Bunker erinnert.

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