Zum Hauptinhalt springen

Einer der besten Kenner von Ghadhafi

Aussenminister Moussa Koussa soll bereits ziemlich kaltgestellt gewesen sein, als er aus Libyen floh.

1980 wurde Moussa Koussa als libyscher Botschafter in London ausgewiesen Von Oliver Meiler, Paris Er weiss viel über die Ghadhafis – über die Rivalitäten und die Geheimnisse innerhalb der libyschen Herrscherfamilie. Und vor allem kennt Moussa Koussa wie kein anderer Aussenstehender die Psyche und die strategischen Reflexe des Familienoberhaupts: von seinem früheren Chef Muammar al-Ghadhafi. Koussa war über drei Jahrzehnte lang ein Pfeiler im System des Revolutionsführers – ein loyaler Weggefährte in guten wie in schwierigen Zeiten. Sein Treuebruch macht ihn deshalb zur wertvollen Quelle für die Westmächte, die Ghadhafis Regime gerne schnell implodieren sähen. Seinen Unmut über die jüngsten blutigen Vorgänge in seinem Land mochte der Aussenminister schon länger nicht mehr verhehlen. Als Koussa am 18. März, kurz nach der Verabschiedung der UNO-Resolution 1973, vor die Presse geschickt wurde, um eine vermeintliche Waffenruhe der libyschen Streitkräfte zu verkünden, sah man ihm an, dass er nicht aus freien Stücken dort stand. Er zitterte, las monoton ein Communiqué herunter, das man ihm zugesteckt hatte, und ging. Offenbar hat ihn Ghadhafi schon kurz nach Beginn des Aufstandes aus dem innersten Machtzirkel entfernt. Koussa war durch seine vielen Kontakte in den Westen auch zur Hypothek für das Regime geworden. In Paris, London und Washington hofft man jetzt, Koussas Flucht könnte andere Regimemitglieder zur Nachahmung animieren. Von allen bisherigen Abtrünnigen ist Koussa der prominenteste. Doch im Gegensatz zum übergelaufenen Innenminister und zum früheren Justizminister, die nun beide auf der Seite der Aufständischen kämpfen, wird Koussa wohl nie zur Opposition wechseln. Dafür ist er zu stark involviert in alle Missetaten Ghadhafis der letzten Jahrzehnte, in die Organisation des staatlichen libyschen Terrors im Ausland und in die Repression im Innern.Koussa wurde vor 60 Jahren in Tripolis in eine bescheidene Familie geboren, schaffte es aber dank eines Stipendiums an die Universität von Michigan, wo er studierte. 1979 schickte ihn Ghadhafi als Botschafter nach London, wo Koussa aber bereits ein Jahr später wieder des Landes verwiesen wurde. In einem Interview mit der Zeitung «Times» hatte er gesagt, er werde für die Liquidierung von libyschen Oppositionellen auf britischem Boden sorgen, die sich als «Feinde der Revolution» aufführten. Applaus für die IRA Was sich wie eine Provokation anhörte, war gängige Praxis. Koussa applaudierte damals auch dem Kampf der IRA gegen Grossbritannien. Später knüpfte er Kontakte zu nationalen Befreiungsbewegungen in Lateinamerika und in Afrika sowie zu Terrorgruppen in Europa, die von Libyen mit Geld und Waffen unterstützt wurden. Der amerikanische Geheimdienst CIA hält ihn für einen der Drahtzieher des Anschlags auf eine Panam-Maschine, die 1988 über der schottischen Kleinstadt Lockerbie abstürzte. 270 Menschen starben. Streit mit Ghadhafis Söhnen Koussas Dienste erschienen Ghadhafi so wertvoll und verlässlich, dass er ihn 1994 zum Geheimdienstchef machte, einen Posten, den er bis zu seiner Berufung zum Aussenminister 2009 behalten sollte. Die letzte Phase seiner politischen Karriere verbrachte Koussa vor allem damit, mit viel diplomatischer Anstrengung Ghadhafis Schurkenstaat aus der internationalen Isolation zu führen. Er war es, der die Verhandlungen über die Schmerzensgelder für die Angehörigen der Lockerbie-Opfer führte. Er war es, der die neuen Beziehungen zu Rom und Paris gestaltete. Er war es, der die CIA über den nuklearen Schmugglerring des Ingenieurs Abdul Qadeer Khan, den Vater der pakistanischen Atombombe, informierte. Er war es auch, der Saif al-Islam, den zweitältesten Sohn Ghadhafis, bei dessen Aufstieg zum international gefeierten Hoffnungsträger eines neuen reformierten Libyens begleitete. Mit den anderen Söhnen des Despoten verstand er sich aber nicht so gut. Aus Tripolis wird über handgreifliche Auseinandersetzungen zwischen Koussa und Ghadhafis Sprösslingen berichtet. Ein Vorfall soll erst einige Wochen zurückliegen. Da stand der Insider schon am Rand.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch