Zum Hauptinhalt springen

Extremismus geht alle etwas an

Marco Zysset

Nazijargon und Kommunistenterminologie Nicht erst bei der Recherche zu unserer Serie «Extremismus im Berner Oberland» und bei der Lektüre der Interviews mit Aktivisten aus der linken und rechten Szene wird augenfällig: «Les extrêmes se touchent!» Unrühmlich leuchtendes Beispiel ist der Spiezer Mario Friso: Vor zehn Jahren war er in der Berner Antifa-Szene unterwegs, heute gilt er als Anführer rechtsextremistisch angehauchter Gruppen im Berner Oberland. Links wie rechts agieren im Untergrund. Links wie rechts haben Mühe, genaue Mitgliederzahlen zu nennen. Und links wie rechts versuchen, (frustrierte) Jugendliche für sich zu gewinnen. Wer mit offenen Augen durchs Leben geht, kann nicht erstaunt sein, dass die Botschaften der Extremisten auf fruchtbaren Boden fallen. Von links und rechts tönts ähnlich: Da ist der Ruf nach Revolution, nach Aufbrechen der bekannten und eingerosteten Schemen, nach Freiheit in einer Gesellschaft voller Zwänge und nicht zuletzt der Wunsch nach Gleichheit in einer Welt, die immer ungleicher wird. Der Leistungsdruck nimmt gerade auf Jugendliche zu. Sie müssen den Ansprüchen von Lehrerschaft oder Lehrmeistern ebenso genügen wie den Ansprüchen einer hoch komplexen konsumorientierten Leistungsgesellschaft, die Menschen nicht mehr auf Grund von Werten beurteilt, sondern auf Grund von Noten, Verdienst, Auto- oder Rollermarke, Kleidungsstil – und Preise derselben. Die pubertäre Revolution gegen die Eltern und die Vereinnahmung durch das andere Geschlecht macht das Erwachsenwerden gewiss nicht einfacher. Der Wunsch, Regeln zu durchbrechen, ist nicht neu in dieser Situation, naturgemäss nahe liegender als die Bereitschaft, sich in gültige Schemen einzufügen. Fehlen in Zeiten der Krise zusätzlich die wirtschaftlichen Perspektiven, ist der Nährboden für Extremisten und Revolutionäre perfekt. Die Revolutionen in Russland zu Beginn des 20.Jahrhunderts oder die Machtübernahme der Nationalsozialisten im Deutschland der Zwischenkriegszeit sind bekannte Beispiele. Wohl ist das Berner Oberland weit weg davon, dass vermummte Horden brandschatzend durch Städte und Dörfer ziehen und anders Denkende oder Aussehende rücksichtslos drangsalieren – könnte man meinen. Bei genauerer Betrachtung stellt man derweil sehr wohl fest, dass ähnliche Szenen schon heute passieren. Wenn drei Jugendliche einem jungen Punk «Zecke, Zecke, Zecke» (Nazi-schimpfwort für Linke) nachschreien und den jungen Mann verbal drangsalieren; wenn Ausländer nur auf Grund ihrer anderen Hautfarbe verprügelt werden oder wenn Demoteilnehmer Häuser und Schaufenster unbescholtener Ladenbesitzer zerstören, dann sind das erste Schritte auf dem Weg hin zu diesen vermummten brandschatzenden Horden. Dabei schrieb schon der römische Dichter Ovid: «Wehre den Anfängen!» Denn das Berner Oberland – inklusive Thun – ist ein idealer Nährboden für Frustrierte, welche genug haben «vo dene z’Bärn unger» und lieber gleich selber Hand anlegen. Erstens, «Wills scho immer so isch gsi!», und zweitens, weil es im wirtschaftlich schwachen und geografisch weitläufigen Berner Oberland zu viele Verlierer der ständig schneller werdenden Modernisierung, Technologisierung und faktischen Zentralisierung gibt. Ihnen bleibt oftmals nichts anderes übrig, als neidisch zuzusehen, wie stinkreiche Gäste aus dem In- und Ausland ihr Geld scheinbar sinnlos, ja in bisweilen dekadenter Art und Weise zum Fenster raus werfen. Nicht mit vollen Händen, sondern mit der Schaufel. Dass extremistische Kreise rechts wie links der politischen Mitte sich immer grösserer Gefolgschaft erfreuen, ist – nicht nur im Berner Oberland – schliesslich und endlich nicht zuletzt die Schuld des heutigen Politestablishments. Viel zu träge und oft in einer scheinbar völlig eigenen Welt fällen Politikerinnen und Politiker ihre Entscheide – stets getreu ihrem Parteibuch und meist ohne Kenntnis der wahren Befindlichkeit ihrer Klientel, den Wählern. Solange die Politik, egal ob auf Stufe Gemeinde, Kanton oder Bund, sich weitgehend darauf beschränkt, heisse Luft zu produzieren ihr einziger Zweck der Selbstzweck – sprich, das Halten des Sitzes – ist, solange treiben die Politikerinnen und Politiker mehr und mehr Leute in die Arme von Extremisten. Ob links oder rechts spielt dabei keine Rolle. Gutes wird keine der beiden Seiten bewirken können. Menschen, die nach Orientierung suchen und sich in komplexen Zeiten gerne von einfachen Schlagworten leiten lassen, fühlen sich naturgemäss von linken oder rechten Extremisten und ihren scheinbaren Allerweltsrezepten angezogen. Dass diese Wortführer – und nicht selten hoch intelligenten Leute – diese Orientierungslosigkeit ausnutzen, um ihr braunes oder romantisiert rotes Süppchen zu kochen, darf nicht ignoriert werden. Und es darf nicht länger toleriert werden. Wer wegschaut und behauptet, der Extremismus gehe ihn nichts an, wird spätestens dann eines Besseren belehrt, wenn sein Auto am Rand eines Demozuges zerstört wird oder er mit zerschlagenem Gesicht im eigenen Blut am Boden liegt – bloss weil er zur falschen Zeit am falschen Ort war. m.zysset@bom.ch >

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch