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Finesse allein genügt den Flyers nicht

Kolumne Kent Ruhnke Was würden Sie tun, wenn Sie in den Schuhen von Anders Eldebrink stecken würden? Ihr Team hat in Spiel 2 seine beste Partie im Playoff gezeigt und liegt im Final trotzdem 0:2 zurück. Dazu kommt, dass Ihr Gegner in dieser Serie noch nicht einmal annähernd sein Potenzial ausgeschöpft hat. Wie würden Sie die dritte Partie angehen? Optimistisch oder eher pessimistisch? Wie ich vor dem Finalstart geschrieben habe, müssen grosse Coaches auch ausgezeichnete Schauspieler sein. Egal, wie man sich fühlt, man darf keine negative Energie aufs Team übertragen. Eldebrink muss also seine ganze Enttäuschung beiseiteschieben und der Denkweise folgen, dass nicht die Leistung das Problem ist, sondern nur das Resultat. Dann könnte er mit seinen Flyers noch eine Chance haben, die Serie zu wenden. Doch seine Herausforderung ist: Kann er seine Spieler davon überzeugen?Arno Del Curto veränderte 2009 das Momentum im Final gegen die Flyers dramatisch, indem er in Spiel 2 in der zweiten Pause Leonardo Genoni durch den unerfahrenen Reto Berra ersetzte, der zuvor sechs Wochen nicht gespielt hatte. Ich dachte: Was macht Arno? Ist er verrückt geworden? Und Berra liess auch prompt den ersten Schuss passieren, zum 3:5. Es sah so aus, als wären die Davoser erledigt. Doch dann begannen sie aufzuwachen, sie kämpften sich zurück in die Partie und gewannen 6:5 in Overtime. Jener Goaliewechsel war eine der mutigsten Rochaden eines Coaches, die ich gesehen habe. Ich bin mir nicht sicher, ob es die richtige Entscheidung war. Aber für Davos erwies sie sich als die beste! Stancescu im Stich gelassen Ich erachte es für Eldebrink nicht als Option, Spiel 3 anzugehen wie jedes andere. Business as usual tut es jetzt nicht mehr. Kloten hat grosse Mühe, Tore zu schiessen, und das Powerplay ist miserabel. Es gibt kein Sofortrezept gegen eine Tordürre. Aber eines ist klar: Die Flyers brauchen viel mehr Verkehr vor Leonardo Genoni und mehr Biss im Abschluss, vor allem in Überzahl. Und sie müssen mehr Emotionen reinbringen. Bezeichnend war die Szene in Spiel 1 nach dem Stockschlag von Victor Stancescu gegen René Back. Sofort stürmten mehrere Davoser auf Stancescu zu und schubsten ihn herum. Doch kein Klotener eilte seinem Captain zu Hilfe. Und im folgenden Powerplay schoss der HCD das 2:0. Diese Art von Solidarität hat dazu beigetragen, dass die Bündner das erfolgreichste Team der letzten Dekade sind. Verbogen, nicht zerbrochen Keine Mannschaft, besonders nichtim Eishockey, kann sich den Weg zum Titel mit Finesse bahnen. Selbst wenn Kloten den HCD zuweilen langsam aussehen liess, fehlte etwas. Ich sahbei den Flyers keinen, der sich in die Schüsse warf wie der 34-jährige Reto von Arx im Auftaktspiel. Und auch keinen, der so kaltblütig war wie Peter Guggisberg und Lukas Stoop in Spiel 2. Meisterteams finden immer einenWeg zum Sieg – es ist nicht immer der gleiche, und es sieht nicht immer hübsch aus. Die Abwehr der Davoser verbog sich am Samstag, aber sie zerbrach nicht. Kloten war dasbessere Team und ist trotzdemschon fast geschlagen. Es brauchtnun eine dramatische Wende. Anders Eldebrink kann keine Kaninchen aus dem Hut zaubern. Aber er muss positive, inspirierende und ermutigende Botschaften an sein Team richten. Er muss seine Spieler darin bestärken, dass sie gut sind. Auch Profisportler brauchen immer wieder mal eine Bestätigung. Und ich würde vorschlagen, dass er sie daran erinnert, dass sie nur einen Schritt nach dem anderen nehmen müssen. Man muss sich kleine, überschaubare und realistische Ziele setzen. Es ist durchaus machbar, das erste Drittel zu gewinnen. Und das würde das Selbstvertrauen stärken. Wahrscheinlich könnten kleine Umstellungen in den Linien den Impuls geben, den es braucht, um wieder mehr Tore zu schiessen. Auch ist es realistisch, etwas mehr Druckauf Genoni zu machen.So überzeugend Eldebrink auch ist, am Ende wird die Mannschaft entscheiden, ob sie es schafft, sich aus ihrer prekären Situation zu befreien. Wenn die Dinge hoffnungslos erscheinen, muss man sich gegenseitig umso mehr unterstützen, aneinander glauben. Solidarität und Emotionen sind der Schlüssel für die Flyers. Ohne sie droht ihnen ein baldiges Ende des Finals. Kent Ruhnke wurde Meister mit Biel (1983), den ZSC Lions (2000) und Bern (2004). Meisterteams finden immer einen Weg – aber nicht immersieht es hübsch aus.

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