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Frisches Wasser und ein Kartenspiel

Fahren die Radprofis morgen (ab 10.30 Uhr) um den Strassen-WM-Titel, werden viele Augenpaare auf Fabian Cancellara gerichtet sein. Anders als im Zeitfahren kann der 28-jährige Berner den Rennverlauf nur bedingt beeinflussen.

«Acqua Fresca» heisst die knapp zwei Kilometer lange Steigung, die von Mendrisio nach Castel San Pietro führt und im morgigen WM-Strassenrennen der Profis 19 Mal befahren werden muss. «Frisches Wasser» – freilich mit isotonischem Pulver angereichert – wird benötigen, wer die 111 Höhenmeter gemeistert hat. Und frische Beine braucht, wer in der von namhaften Protagonisten als Schlüsselstelle bezeichneten Rampe die Entscheidung zu suchen gedenkt. Damiano Cunego, Co-Leader der wie üblich hochkarätig bestückten Auswahl Italiens, bezeichnet «Acqua Fresca» als «mein Sprungbrett» – was insofern nicht erstaunt, als der ehemalige Giro-d’Italia-Gewinner lediglich 58 Kilogramm auf die Waage bringt. Cunego fürchtet in erster Linie die nicht minder hochwertig besetzten Spanier und deren Aushängeschild Alejandro Valverde; der mutmassliche Fuentes-Klient hat jüngst auf souveräne Weise die Vuelta gewonnen. Für Fabian Cancellara sei «Acqua Fresca» zu steil, der coupierte Parcours ein bisschen zu anspruchsvoll, sagte der Lampre-Captain gegenüber einer italienischen Tageszeitung. Ob die Aussagen Cunegos Gedanken spiegeln oder eher als Instrument taktischer Kriegsführung zu klassifizieren sind, lässt sich nicht eruieren. Klar ersichtlich ist hingegen Cancellaras Gewichtsverlust. Der Berner hat im Hinblick auf sein Hauptziel nichts dem Zufall überlassen. Geschätzte 75 Kilogramm dürfte der 28-Jährige derzeit wiegen, an der Tour de Suisse sind es noch 80 gewesen. Cancellara ist die Vorzeigefigur des helvetischen Sextetts, seit seiner schon fast surreal anmutenden Demonstration im Zeitfahren «ist die Underdog-Rolle für mich nicht mehr einnehmbar». Der Effort im Kampf gegen die Uhr werde sich nicht auf die sonntägliche Darbietung auswirken, konstatiert der Olympiasieger. «Wenn die Physis stimmt, ist die Erholung nie ein Problem.» Für den Rest ist der Kopf zuständig, und diesbezüglich hat Cancellara am Donnerstag jegliche Fragezeichen aus dem Weg geräumt. Laufe sein Motor einwandfrei, könne selbst das Leiden zum Genuss werden, lässt er Öffentlichkeit und Gegnerschaft wissen. Druck spüre er schon, aber er belaste ihn nicht. «Ich war schon als Junior der Gejagte und bin am Druck gewachsen.» Anders als im Zeitfahren kann der Ittiger den morgigen Rennverlauf nur bedingt beeinflussen. Relevant ist, wer wann welche Karte spielt. Es ist nicht auszuschliessen, dass die stärksten Nationen eine Fluchtgruppe gewähren lassen und ihre Goldaspiranten «opfern», um Cancellara von der Entscheidung fernzuhalten. Deshalb sind die Schweizer bestrebt, möglichst in jeder Gruppe präsent zu sein; zumindest Michael Albasini wäre in einer solchen Jokerrolle eine Überraschung zuzutrauen. Das Mendrisiotto erwartet ein Volksfest, es wird mit bis zu 200000 Zuschauern kalkuliert. Ob die Rechnung aufgeht und ein Verkehrschaos verhindert werden kann, ist in Anbetracht der Platzverhältnisse zu bezweifeln. Cancellara und seine Teamkollegen dürfen sich jedenfalls auf lautstarken Support freuen. Wer weiss, vielleicht wird ihnen der Beifall im 19.Anlauf Richtung Castel San Pietro frische Luft verleihen. Micha Jegge>

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