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«Für den fehlerhaften Menschen eine Nummer zu gross»

Technik und Nuklearkrise Trauen wir der Wissenschaft!, TA vom 2. April Zuversicht nicht angebracht. Einig bin ich mit Markus Eisenhut, dass unser national wie global sehr ungleich verteilter Wohlstand auf Naturwissenschaft und technischem Fortschritt, letztlich auf der Nutzung billiger Energie aus nicht erneuerbaren Ressourcen beruht. Ich fände es ebenfalls äusserst unvernünftig, wegen Fukushima wissenschaftliches Vorgehen generell infrage stellen zu wollen. Es gibt in der modernen Welt schlicht keine Alternative dazu. Hingegen teile ich die Zuversicht nicht, die Wissenschaft werde in absehbarer Zeit die Probleme selber wieder lösen, die sie mit der ersten Kettenreaktion bei der Spaltung von Urankernen 1942 in Gang gesetzt hat. Der Artikel blendet den Faktor Mensch völlig aus. Die Ereignisse von Fukushima müssten uns zur Erkenntnis führen, dass die Technologie der Kernspaltung für den grundsätzlich fehlerhaften Menschen mehr als eine Nummer zu gross ist. Oder wie es die Soziologie ausdrückt: «Die verstärkte Herrschaft über die Natur zur Realisierung der Moderne schlägt in eine Destruktion der Natur um, die schliesslich die Bedingungen der Moderne untergräbt.» Wir sollten unsere Intelligenz und unser Wirtschaften dringend auf die Entwicklung von weniger risikobehafteten Technologien, in erster Linie auf erneuerbare Energieproduktions-Formen und intelligente Verteilnetze, ausrichten. Markus Eisenring, Zürich Schwacher Trost. Habe offen gestanden etwas Mühe mit Markus Eisenhuts naivem Glauben an die Allheilkraft der hehren Wissenschaft. «Des Menschen höchste Kunst indes ist, Hoffnung und Zuversicht der Verzweiflung vorzuziehen. In den letzten hundert Jahren machte die Wissenschaft deshalb Fortschritte wie noch nie. Und in den nächsten hundert Jahren wird sie noch grössere Fortschritte machen. Man dürfte deshalb davon ausgehen, dass die Wissenschaft fähig ist, Antworten auf die Atomfragen zu finden.» Ach, wie tröstlich ist es doch für die Betroffenen des Desasters von Fukushima (und für die Opfer der Katastrophe von Tschernobyl), solch aufmunternde Worte zu hören. Kann natürlich schon sein, dass die Wissenschaft in den nächsten hundert Jahren entsprechende Antworten finden wird. Vorausgesetzt, der Planet Erde existiert dann noch. Was angesichts der ungezählten geplanten Atomkraftwerke in aller Welt und der notorischen Unbelehrbarkeit der fortschrittsgläubigen Nuklear-Enthusiasten durchaus bezweifelt werden darf. Marcus Tschudin, Basel Gefährliche ausrangierte AKW. Die Forschung kann auch das Atomproblem meistern, schreibt Markus Eisenring und plädiert für Zuversicht. Seine Aussage mag durchaus zutreffen, es stellt sich nur die Frage, wie lange wir auf die Lösung warten müssen und ob alle unsere Atomanlagen diese Wartezeit heil überstehen. Zudem muss die Lösung wirtschaftlich sein, denn wer hat schon ein Interesse in ausrangierte AKW, die keinen Strom mehr produzieren und damit auch keinen Gewinn mehr abwerfen, viel Geld in den sauberen Rückbau und die sichere Entsorgung der Abfälle zu stecken. Es ist zu befürchten, dass stillgelegte Atommeiler vergammeln, falls der Staat nicht für die nötigen Massnahmen sorgt. Wilfried Johner, Zürich Technik, die keine Fehler erlaubt. Menschen machen Fehler, und Unfälle passieren. Eine Technologie, die beides nicht zulässt und deren Folgen so dramatisch sein können, wie Tschernobyl uns gezeigt hat (wie der Unfall in Fukushima endet, können wir noch nicht einmal abschätzen), ist ganz einfach zu riskant, als dass wir sie weiter verfolgen dürfen. Weil 320 000 Tonnen aufgebrauchter Brennelemente noch Tausende von Jahren vor sich hinstrahlen, müssen wir – so Markus Eisenhut – aber trotzdem weiter auf die Atomenergie setzen. Oder etwas plakativer ausgedrückt: Weil ein Haufen verantwortungsloser Zauberlehrlinge 320 000 Tonnen strahlenden Giftmüll produziert hat, sind wir auf Gedeih und Verderb verdammt dazu, mit Atomenergie weiterzumachen; die Wissenschaft wird es richten. So argumentiert, wer nicht kraft eigener Gedanken zu einem Schluss kommt, sondern aus dogmatischer Verblendung gar keine andere Wahl hat. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, weil die Wissenschaft uns nicht auf Irrwege führen kann, darf die Atomenergie auch kein Irrtum gewesen sein. Manche lernen es nie. Christoph Hug, Zürich Vom Atomreaktor zur Atombombe. Die abgebrannten Brennstäbe der über 400 Atomkraftwerke dieser Erde müssen entsorgt werden, ohne dass unsere Nachkommen Schaden erleiden. Da glaube ich, wie Markus Eisenhut auch, dass die Wissenschaft noch bessere Lösungen dieses Problems finden wird. Wenn ich Markus Eisenhut richtig verstanden habe, denkt er, dass es Technik und Wissenschaft gelingen könnte, der Atomkraft neben den erneuerbaren Energien eine Zukunft zu verschaffen. Dies bezweifle ich, denn die friedliche Nutzung der Kernspaltung ist eng verbunden mit der Produktion von Atom- und Wasserstoffbomben. Atomkraftwerke werden auch in Zukunft gefährlich bleiben, denn in einem Atomreaktor schlummert ein radioaktives Potenzial von über hundert Atombomben, das durch einen technischen Defekt, durch eine Bombardierung in einem Krieg oder durch einen Anschlag entweichen kann. Jedes Land, das heute Kernkraftwerke hat und technisch auf der Höhe der Zeit ist, kann in kurzer Zeit Atombomben bauen. Den Reaktoren kann Kernbrennstoff für den Bau von Bomben entnommen werden. Auch eine Anreicherung von Uran für den Bau von Bomben ist heute in jedem Industrieland möglich, was sogar nach dem Atomsperrvertrag erlaubt ist. Deshalb bin ich dafür, den Hexenbesen Atomkraft in Zukunft weder zivil noch militärisch zu nutzen. Heinrich Frei, Zürich Wissenschaft ist nicht das Problem. Mein Misstrauen gilt weniger einer selbstkritischen Wissenschaft als vielmehr dem unvollkommenen Menschen, welcher sich aus Opportunitätsgründen immer wieder mal einen persönlichen, wirtschaftlichen oder politischen Vorteil erhofft und so die zwingenden Vorgaben der Wissenschaft bei vermeintlichen Nebensächlichkeiten für die reale Welt relativiert. Jürg Lenzi, Adliswil Auf erneuerbare Energien setzen. Der Vertrauensverlust der Bevölkerung nach Fukushima bei der Kernenergie ist zu gross, um jetzt schon auf das Prinzip Hoffnung zu setzen und den technischen Fortschritt zu preisen. Wir können in der Energieproblematik schon aus Kostengründen nicht auf mehreren Hochzeiten tanzen. Forschung und Entwicklung müssen zwingend auf erneuerbare Energien und energiesparende Massnahmen fokussiert werden, weil diese Optionen erfolgversprechender und umweltverträglicher, aber vor allem ungefährlich für Mensch und Natur sind. Es ist mir unverständlich, dass weiter auf (neue) AKW gesetzt wird, mit der zweifelhaften Hoffnung auf Fortschritte in Wissenschaft und Technik. Walter Giger, Zürich «Wir können in der Energieproblematik schon aus Kostengründen nichtauf mehrerenHochzeiten tanzen.»

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