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Gutachter kritisiert die Bonstetter Vormundschaftsbehörde scharf

Im Fall des Vaters, der im Februar 2010 in einem Winterthurer Hotelzimmer seinen Sohn tötete, haben die Behörden laut dem Experten von Anfang an Fehler gemacht. Die Gemeinde wehrt sich.

Von Benno Gasser Zürich – Rechtsprofessor Peter Breitschmid hatte im Auftrag von Regierungsrat Markus Notter (SP) zwei Punkte im Tötungsfall Florian (siehe Text unten) abzuklären: Haben die Vormundschaftsbehörde (VB) Bonstetten und der Bezirksrat Affoltern a. A. einer möglichen Gefährdung des Kindes genügend Rechnung getragen? Und: Gab es für die beteiligten Personen Anzeichen, die auf eine drohende Gefahr hinwiesen? In seinem 49-seitigen Gutachten resümiert Breitschmid, dass die Behörde in Bonstetten schon zu einem frühen Zeitpunkt an den Schwierigkeiten des Mandats gescheitert sei. Sie habe nur funktioniert, aber nicht agiert. Beide Elternteile seien von ihr sehr unterschiedlich behandelt worden. Die Behörde habe sich mit dem Vater solidarisiert, die Position der Mutter hingegen nicht reflektiert. Die heute 36-jährige Brasilianerin, die als Prostituierte arbeitete, musste monatlich 650 Franken Unterhalt zahlen. Der 25 Jahre ältere Vater G., ein freischaffender Treuhänder, blieb mit Florian zu Hause. Diese Regelung sei atypisch und bevorzuge klar den Vater, so Breitschmid. Charles Höhn (FDP), VB-Präsident und Gemeindepräsident von Bonstetten, wies den Vorwurf der Bevorzugung zurück. Die Mutter habe jederzeit Zugang zu den Behörden gehabt, sagte er gestern vor den Medien. Der nur schlecht Deutsch sprechenden Frau sei ein Dolmetscher zur Seite gestanden. Zum Unterhaltsvertrag konnte Höhn nichts sagen. Risiko nicht erörtert Breitschmid kritisiert auch zwei Gutachten, die der VB als Grundlage für ihre Beschlüsse dienten. Der von einer Psychologin angefertigte Kurzbericht sei «peinlich» und eigne sich überhaupt nicht als Entscheidungshilfe. Das Gutachten des Marie-Meierhofer-Instituts für das Kind (MMI) sei eine Verlegenheitslösung, das Vaterrisiko sei darin nicht erörtert worden. G. hatte 1990 versucht, seinen Sohn aus erster Ehe zu töten. Tomas Poledna, Rechtsvertreter der Gemeinde Bonstetten, entgegnete, dass der Bericht der Psychologin zwar knapp, aber sehr klar und verständlich sei. Und das MMI habe die strafrechtliche Vergangenheit des Vaters sehr wohl aufgegriffen, wenn auch keine Folgerungen gezogen. Das Gutachten von Breitschmid blende wichtige Umstände aus, sei emotional gefärbt und trage nicht zur Lösung des Falls bei, sagte Höhn. Der Bezirksrat Affoltern, der als Aufsichtsbehörde in den Fall involviert war, lässt kein gutes Haar an Breitschmids Gutachten. Es enthalte beleidigende Äusserungen und hinterlasse den Eindruck, dass es lediglich darum gegangen sei, nachträglich Fehler um Fehler zu suchen. Justizdirektor Notter schliesst sich allerdings in vielen Punkten der Kritik Breitschmids an. Er bemängelt die fehlende Distanz zwischen der Vormundschaftsbehörde und Florians Vater. Auch hätte sich wegen des hochproblematischen Vorlebens von G. eine vertiefte spezialgutachterliche Abklärung aufgedrängt, wie Breitschmid zu Recht festhalte. Anders als der Gutachter verneint Notter die Frage, ob die Behörde die drohende Gefahr im Februar hätte erkennen müssen. 250 000 Franken Genugtuung? Zu Fehlern wollte sich Höhn gestern nur vage bekennen. Wenn man den Fall retrospektiv betrachte, schliesse er solche nicht aus. Die vorsichtige Formulierung hat Gründe: Florians Mutter und die VB wollen sich aussergerichtlich einigen. Die Behörden sind bereit, eine finanzielle Genugtuung zu leisten. Die Positionen müssten sich aber noch annähern, sagte Burkard Wolf, der Anwalt der Mutter. Er fordere 250 000 Franken, während die Gemeinde 35 000 Franken bezahlen wolle. Mit seiner Forderung stütze er sich auf den Fall Hauert, wo der Kanton Zürich den Hinterbliebenen solche Summen zugesprochen habe. Gestern wurde auch bekannt, dass die Staatsanwaltschaft gegen Höhn eine Strafuntersuchung wegen fahrlässiger Tötung eröffnet hat. In das Verfahren ist noch eine zweite Person involviert, wahrscheinlich eine VB-Sachbearbeiterin. Höhn hat sich mit Rücktrittsgedanken befasst, sich aber im Moment dagegen entschieden. «Das wäre einem Schuldeingeständnis gleichgekommen.» Einen Abgang in der VB gab es dennoch: Der Ressortleiter trat letzten Herbst zurück, weil er wegen des Tötungsdelikts gesundheitliche Probleme bekam. Interview mit Markus Notter, Seite 14 Bildlegende.Foto: Vorname Name, Agentur In der Defensive: Charles Höhn, Gemeindepräsident von Bonstetten.Foto: Reto Oeschger Text (1-zeilig)www.url/stichwort.ch VideoInterview mit Markus NotteriPhone: in Tagi-App unterTA+Mobile: SMS mit Text Plus an 4488 TitelFall BonstetteniPhone: Tagi-App aufTA+Mobile: SMS mit Text Plus an 4488

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