Zum Hauptinhalt springen

Hochhaus-Debatte bewegt beide Seeufer

Ein Vorstoss für den Bau von Hochhäusern am linken Seeufer hat auch auf der gegenüberliegenden Seeseite das Interesse an solchen Bauten neu entfacht.

Von Marius Huber Rudolf Hatt ahnte, dass er mit seinem Vorschlag provozieren würde, und die unmittelbaren Reaktionen scheinen ihm recht zu geben. Lob und anerkennendes Schulterklopfen jedenfalls gab es keines für den Präsidenten der Planungsgruppe Zimmerberg (ZPZ), der in Richterswil ein Architekturbüro betreibt. Es ist, als würde am Ufer des Zürichsees allein schon die Idee, Hochhäuser zu errichten, einen Schatten vorauswerfen auf die Gemüter vieler Bürger. Wenn man es allerdings nicht beim ersten Eindruck belässt, relativiert sich das Bild deutlich. So wirdHatts Vorschlag, im Bezirk Horgen planerische Grundlagen für den Bau in der Vertikalen zu schaffen (TA vom 3. 1.), in Online-Foren durchaus differenziert beurteilt. Hier halten sich wohlwollende und ablehnende Kommentare in etwa die Waage. Das beginnt bei der Frage nach der Ästehtik: Während die einen bangen, dass die «liebliche Landschaft» am Zürichsee mit Wohntürmen verschandelt werden könnte, kontern andere, das Ufer sei doch heute schon beidseitig derart «zubetoniert und hässlich», dass ein Strategiewechsel angezeigt sei. Kleinteiliger bebaut Auffälig ist, dass sich solche Einschätzungen nicht auf das linke Ufer beschränken, auf die «Pfnüselküste», für die Rudolf Hatt zuständig ist, sondern dass dessen Steilpass auch ennet dem See aufgenommen wird, an der Goldküste. Was wäre hier, wo es an finanzkräftigen Bauherren nicht mangelt, möglich? Meilens Bauvorstand Felix Huber (FDP) gibt sich in der Sache gespalten, denn er ist von Beruf Architekt – und als solcher wäre er «viel mutiger», wie er selbst sagt. Als Politiker sagt er nur so viel: Die Agglomerationsgemeinden müssten sich der Frage, wie sie wachsen wollen, ohne Scheuklappen stellen. «Es ist durchaus denkbar, dass hier in 20 bis 30 Jahren auch Hochhäuser stehen – aber über konkrete Standorte will ich nicht mutmassen.» Der Grund: Solche Bauten müssten nach einem anderen Massstab beurteilt und in einem grösseren räumlichen Zusammenhang betrachtet werden als in den Gemeinden üblich; sie seien mithin ein Fall für die Regionalplanung. Der Chefplaner am rechten Seeufer, Hermann Alb, ist allerdings der Ansicht, dass Hochhäuser hier nicht ins Bild passen und auch in Zukunft die Ausnahme bleiben werden. In einem Interview mit der «Zürichsee-Zeitung» begründet er das damit, dass die Goldküste zwar vom Kanton als «urbane Wohnlandschaft» angesehen werde, aber deutlich kleinteiliger bebaut sei als das linke Ufer. Zu den wenigen Arealen, auf denen ein grosser archtitektonischer Wurf denkbar wäre, zählt er die Chemische Fabrik in Uetikon und die Midor-Fabrik am Meilemer Bahnhof. Nicht so eng sehen das ein paar jener Leute, die sich in Online-Foren äussern. Dort finden sich spontane Vorschläge, wo man sonst noch in die Höhe bauen könnte: zum Beispiel in Hanglagen, wo dies «niemanden störe», etwa um die Bahnhöfe von Herrliberg und Uetikon herum. Konfrontiert mit solchen Visionen, bemüht sich der Uetiker Hochbauvorstand Marco Zolin-Meyer (FDP), die Diskussion etwas zu beruhigen. Es sei zwar unbestritten, dass man dichter bauen müsse, sagt er. Uetikon sei aber der Vorgabe des Kantons verpflichtet, die grünen Trenngürtel zu den Nachbargemeinden und damit auch sein dörfliches Erscheinungsbild zu erhalten. Daher wäre es seiner Ansicht nach «inkonsistent», Hochhäuser im urbanen Stil aufzustellen. Angemessener sei es, bestehende Lücken im Zentrum mit massvollen Bauten zu schliessen. «Dazu müsste man allerdings auch mal ein altes Gebäude abreissen dürfen», sagt Zolin-Meyer, «es gibt schliesslich auch ein paar hässliche darunter.» Mit dieser Haltung gibt er eine gewisse gedankliche Nähe zum Architekturkritiker und unermüdlichen Verdichtungs-Prediger Benedikt Loderer zu erkennen. Dieser geht allerdings deutlich weiter: Er empfiehlt, an der Goldküste die grosszügigen Gärten der Villen zu überbauen. Oder die Villen gleich ganz abzureissen – viele davon seien schliesslich «nicht besonders erhaltenswert». Ein Hochhaus dagegen, am richtigen Ort platziert, würde laut Loderer als Zeichen wirken und gegen die Zersiedelung der Landschaft helfen. Oben am Hang prüfenswert Noch ist dies am rechten Seeufer Zukunftsmusik – anders als am linken, wo Rudolf Hatts Ideen durchaus auch prominente Fürsprecher haben. Etwa den Bauvorstand von Horgen, Hans-Jakob Riedtmann (SP). «Der Gemeinderat findet die Idee hoher Häuser prüfenswert», sagt er. «Wir wollen deshalb, dass sie weiterverfolgt wird.» Konkret müsse der Kanton die Voraussetzungen dafür schaffen, dass auch Gebäude von mehr als 25 Meter Höhe realisierbar seien. «Es müssen ja nicht gleich 48 Meter sein wie beim gescheiterten Projekt in Wädenswil.» Über Sinn und Unsinn von Hochhäusern entscheidet für Riedtmann der Standort. Oben am Hang, in Waldnähe, störten solche Bauten niemanden, anders als unten am Seeufer. «Dort würde das eine Kaskade von Hochbauten auslösen, weil die Hausbesitzer in der zweiten und dritten Reihe nachziehen müssten.» Mit dieser Haltung steht Riedtmann nicht allein da. Zumindest eine Prognose sei deshalb gewagt: Eine Hochhäuser-Front direkt am Zürichsee wird es kaum je geben.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch