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«In Europa sind wir ein kleiner Fisch»

Coop-Chef Hansueli Loosli wird 2011 Präsident von Coop und Swisscom. Das ist Migros-Chef Herbert Bolliger ein Dorn im Auge. Doch Loosli nimmt dies gelassen: «Sollte sich ein heikles Geschäft ergeben, werde ich in den Ausstand treten.»

Sie haben sich entschieden, im Frühling 2011 Swisscom-Präsident zu werden. Gleichzeitig werden Sie auch ins Coop-Präsidium wechseln. Ist Ihnen die Lust am Detailhandel nach dem Einstieg von Aldi und Lidl vergangen? Hansueli Loosli: Nein, überhaupt nicht. Ich habe ja bereits im Frühling angekündigt, dass ich mich 2011 als operativer Chef von Coop zurückziehen und ins Präsidium wechseln werde. Was können Sie der Swisscom bringen? Eines haben Coop und Swisscom gemeinsam: Egal ob man Technologie verkauft oder Lebensmittel, letztlich haben beide Unternehmen Kunden. Durch meine Arbeit werde ich einen Beitrag leisten, dass die Swisscom weiter top bleibt. Aber trotzdem ist es für Sie eine völlig neue Branche. Sie werden also dazulernen müssen. Das ist klar. Letztlich muss ich aber die Swisscom ja nicht operativ führen, mir obliegt es, als Präsident unter anderem dafür zu sorgen, dass im Management die richtigen Leute am richtigen Ort eingesetzt werden und der Verwaltungsrat und die Geschäftsleitung das Beste für das Unternehmen tun. Was für ein Telekomnutzer sind Sie? iPhone oder nicht iPhone, das ist im Moment die Frage? Nicht iPhone (lacht). Ich habe ein Nokia-Handy. Ich benutze mein Handy häufig. Ich rufe die E-Mails ab, surfe im Internet. Bei Coop war es bis jetzt kein Thema, auf das iPhone umzusatteln. Aber ich schliesse nicht aus, dass das einmal aktuell wird. Was wollen Sie mit der Swisscom erreichen? Es wurde erst kürzlich angekündigt, dass ich 2011 das Swisscom-Präsidium übernehme. Da müssen Sie mir schon noch etwas Zeit geben. Ich möchte jetzt nicht vorgreifen. Ihr Kollege Migros-Chef Herbert Bolliger findet es «wegen der vielen Geschäftsbeziehungen» problematisch, dass Sie zwei Präsidien übernehmen wollen, wie er gegenüber der «Bilanz» sagte. Wir sind in einem offenen Markt tätig. In so einem kleinen Land wie der Schweiz gibt es wohl nichts, das konfliktfrei ist. Sollte es ein heikles Geschäft zu behandeln geben, das die Migros betrifft, werde ich selbstverständlich in den Ausstand treten. Ihr Abgang 2011 wird die Frage aufwerfen, wer Ihr Nachfolger wird. Philipp Wyss, das jüngste Geschäftsleitungsmitglied, wird immer wieder ins Spiel gebracht. Das werden Sie dann sehen, wenn es so weit ist. Es kommt sowohl eine interne wie auch eine externe Lösung in Frage. Im Moment kann ich nicht mehr dazu sagen. Aldi verfügt nun über ein breites Filialnetz, und auch Lidl ist jetzt in der Schweiz präsent. Wie stark spürt Coop die neuen Anbieter? Der Einfluss von Lidl mit seinen wenigen Filialen in der Schweiz ist nicht spürbar. Aldi hat bislang über 100 Läden in der Schweiz eröffnet. Trotzdem gewinnt Coop immer noch Marktanteile, dieses Jahr bisher über 1 Prozent. Positiv wirkt sich aus, dass der Schweizer Detailhandelsmarkt immer noch wächst. In den ersten acht Monaten des Jahres betrug das Wachstum laut IHA 0,3 Prozent. Aber es ist ganz klar: Jeder Baum wirft Schatten. Wir nehmen Aldi als Konkurrenten ernst. Weiten Sie das Prix-Garantie-Sortiment aus? Im Moment bieten wir in dieser Sparte rund 400 Artikel an. Ich schliesse nicht aus, dass es im Prix-Garantie-Sortiment heute noch die eine oder andere Lücke gibt und dass in Zukunft einzelne Artikel hinzukommen. Sie haben öffentlich gesagt, Sie erwarteten von den Behörden, dass sie das Verhalten des Discounters Lidl genauer anschauen. Was meinen Sie damit? Ich bin überzeugt, dass Lidl bei Früchten und Gemüsen Artikel unter Einstandspreis verkauft. Können Sie das belegen, oder ist das nur eine Vermutung? Ich glaube einfach nicht, dass Lieferanten einem eher kleinen Abnehmer, der neu in der Schweiz ist, die besseren Einstandspreise machen als einem langjährigen Grosskunden wie Coop. Sie könnten Lidl einklagen. Das ist Lockvogelpolitik. Eines Tages wird sich das einpendeln, denn irgendwann wollen auch die Discounter Geld verdienen. Von Produzentenseite ist zu hören, dass Coop seinen Lieferanten nahelegt, Lidl und Aldi nicht zu beliefern. Einem internationalen Lieferanten können wir als europaweite Nummer 32 nicht vorschreiben, wen er zu beliefern hat und wen nicht. Die Migros hat diese Woche ihr neues Ladenkonzept vorgestellt. Wie wollen Sie kontern? Das haben wir nicht vor. Coop hat sein Ladenkonzept bereits überarbeitet – dieses ist beispielsweise im Wankdorf Center umgesetzt. Wir haben über 500 Verkaufsstellen nach diesem Konzept umgebaut. Bei Läden derselben Grösse finden Sie die Artikel immer am gleichen Ort. Auf dem Milchmarkt ist die Unruhe gross. Gewisse Bauernorganisationen drohen damit, die Zufahrt zu Coop-Verteilzentralen zu blockieren. Was sagen Sie dazu? Unsere Aufgabe ist es primär, Milch zu verkaufen. Dies hilft, den Milchsee und den Butterberg abzubauen. Deshalb halte ich gar nichts davon, dass man sich gegenseitig blockiert. Ich bezweifle auch, dass der Kunde solche Übungen schätzt. Wie lässt sich eine Entspannung der Lage erreichen? Wichtig ist nun vor allem, dass die Branchenorganisation, die eigentlich zu spät eingesetzt worden ist, ihre Aufgabe wahrnimmt. Man muss über eine Mengensteuerung sprechen. Denn es macht keinen Sinn, dass man am Schluss Subventionen einsetzt, um den Butterberg abzubauen. Denner importiert derzeit Elmex-Zahnpasta direkt bei Zwischenhändlern in Deutschland, weil der Elmex-Hersteller Gaba von den Schweizer Grossverteilern höhere Preise verlangt als von Detaillisten im Ausland. Sollte Coop nicht auch zu solchen Massnahmen greifen? Ich gehe davon aus, dass Denner dies jetzt als Gag macht, weil der Entscheid der Wettbewerbskommission kurz bevorsteht. Wir haben schon verschiedentlich Waren parallel importiert – zum Beispiel Windeln. Das Problem besteht darin, dass wir uns fast nie mit einer ausreichenden Menge bei Zwischenhändlern eindecken können. Zudem können solche Waren ohne Ursprungszeugnis wegen Zollbeschränkungen nicht eingeführt werden. Auf Grund dieser Position als grösster Detailhändler von Markenartikeln könnten Sie doch Druck auf die Markenartikler ausüben? Man muss sehen, dass wir in der Regel mit internationalen Grosskonzernen verhandeln, die genau wissen, dass die Kaufkraft in der Schweiz höher ist. Und für diese sind wir als Nummer 32 in Europa ein kleiner Fisch. Ausserdem bin ich der Auffassung, dass das Cassis-de-Dijon-Prinzip einen wichtigeren Einfluss auf die Preise haben wird als die Parallelimporte. Bei Letzteren werden die Mengen immer beschränkt bleiben. Coop hat im Wankdorf Center in Bern das Self-Scanning-System Passabene eingeführt, mit dem der Kunde den Preis seiner Einkäufe selbst erfassen kann. Wollen Sie dieses System flächendeckend einführen? Es war nie das Ziel, dieses System flächendeckend einzuführen. Denn für Kleineinkäufe ist Passabene zu aufwändig. Wir werden in Megastores, die wir umbauen, das System einführen. Mit der Akzeptanz sind wir zufrieden: Im Wankdorf Center erzielen wir rund 15 Prozent des Umsatzes mit diesem System. Das vor wenigen Jahren heraufbeschworene Aussterben des Berufs der Kassiererin ist also nicht in Sicht? Nein. In absehbarer Zeit wird der Mensch beim Kassiervorgang nicht gänzlich verschwinden. Das viel gelobte Funksystem mit RFID-Chips ist im Detailhandel viel zu teuer. Kommt hinzu, dass es die Kassiererin ist, die beim Kunden den letzten Eindruck hinterlässt. Sie hat also eine sehr wichtige Rolle. Doch manchmal sind aufreizend wenige Kassen besetzt. Vor allem während der Mittagszeit, wenn man wenig Zeit hat. In der Schweiz gehen viele gleichzeitig um 12 Uhr in die Mittagspause. Darauf stimmen wir die Einsatzpläne ab. Dennoch lassen sich Schlangen nicht ganz vermeiden. Unser Ziel ist es, dass nie mehr als vier bis sechs Kunden an der Kasse warten; wir arbeiten daran, dies zu erreichen. Interview: Stefan Schnyderund Philippe Müller Hansueli Loosli (54) arbeitet seit 1992 bei der Coop-Gruppe, seit 1997 als deren Chef. Zuvor war er für Waro und Mövenpick tätig. Loosli ist verheiratet und Vater von zwei erwachsenen Kindern. >

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