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Kein Wildwuchs auf dem Gottesacker

Was als Schmuck auf Gräber gehört und was nicht, ist eine Frage der Pietät. Was man unter Pietät versteht, ist eine politische Frage.

Von Fahrettin Calislar Unterland – Unzählige Formulare bestimmen den Ablauf des ganzen Lebens. Mit ihnen werden persönlichste Bereiche reglementiert. So fordern die Behörden Bewilligungsverfahren für Grabmäler. Zuständige Kommissionen wachen darüber, dass auch auf dem Friedhof Zucht und Ordnung herrschen. In den letzten Monaten haben verschiedene Gemeinden im Unterland die Revision ihrer Grabmalverordnungen an die Hand genommen. Die Adressaten sind vor allem Bildhauer. Beispielsweise der Bülacher Ueli Gantner. Er begrüsst die Wieder-Reglementierung. Der «Zwang zur Norm» bedeute für ihn zugleich Freiheit. «Enggehaltene Vorschriften helfen uns, zu liberale Vorgaben schaden.» Leider hätten Vorschriften heute ein schlechtes Image, so Gantner. Der «Wahn der Liberalisierung» vor rund zehn Jahren habe alles erlaubt und zu Wildwuchs geführt. So würden Grosshändler in grossen Mengen Grabsteine aus China und Indien einführen und höchstens noch beschriften lassen. Man könne die Steine sogar per Internet bestellen. Und nicht selten stecke Kinderarbeit dahinter. Grabsteine als globalisiertes Massenprodukt aus dem Katalog? «Ich finde das nicht ethisch», sagt Gantner. Dies, obwohl die Grabmäler im Prinzip den Vorschriften entsprechen. Das richtige Gesuchsformular Wenn der Bildhauer einen Auftrag erhält, muss er seine Vorstellungen als Skizze und mit der Angabe des vorgesehenen Materials einreichen. Dass seiner künstlerischen Freiheit auch Grenzen gesetzt werden, findet Horst Bohnert aus Regensdorf sinnvoll: «Es kann nicht sein, dass der Friedhof zur Spielwiese wird, wo sich jeder Bildhauer verwirklichen kann.» Oder dass sich Menschen nach ihrem Tod ein Denkmal setzen. «Auch ein Maler muss sich auf die Grösse der Leinwand beschränken, auf die er malt.» So hätten Leuchtdioden und Musikdosen auf einem Friedhof nichts zu suchen. Es sei wichtig, die Besinnung und die Pietät zu gewährleisten. Mit der Einleitung, das Grabmal sei «ein Gedächtniszeichen, welches die Erinnerung an die Verstorbenen wachhält und eine Aussage über ihr Leben enthalten kann», beginnen viele Gemeinden ihre Richtlinien. Wichtig sei die persönliche Gestaltung, die den Forderungen des Schönheitssinnes entsprechen und sich in ein Gesamtbild des Friedhofs einfügen solle. Die Qualität der handwerklichen Arbeit stehe im Vordergrund. Doch damit ist es mit der eidgenössischen Einigkeit vorbei, und das Tummelfeld der Gemeinden tritt hervor. Die konkreten Vorschriften sind von Gemeinde zu Gemeinde verschieden. Unterschiedliche Stellen kümmern sich um ihre Umsetzung. Wichtig sei, so Bildhauer Ueli Gantner, dass sich die Behörden mit den Fachleuten aussprächen, bevor sie Vorschriften erliessen. So könnten viele Reibungen verhindert werden. Und schliesslich habe eine gute Verordnung auch eine Ausnahmeklausel: Eine künstlerisch wertvolle Arbeit habe auch dann eine Berechtigung, wenn sie nicht alle Vorschriften haargenau erfülle. Gantner findet es aber sonderbar, wenn zwar Vorschriften erlassen werden, diese aber so formuliert sind, dass sie alles zulassen. Dann brauche es ja eigentlich auch keine Kontrolle. Viele neue Verordnungen Die Gemeinde Regensdorf hat seit Ende letzter Woche neue Richtlinien aufgelegt. Sie ersetzen das geltende Ausführungsreglement aus dem Jahr 2005. «Wir haben in der Praxis festgestellt, dass es immer wieder Diskussionen über die Gestaltung der Grabmäler gab», erklärt Gemeindeschreiber Stefan Pfyl. Deshalb habe der Gemeinderat nun die Richtlinien detaillierter formuliert. So ist die noch geltende Formulierung, dass die Grabmäler aus «natürlich wirkendem Material» bestehen müssen, schwammig, weil damit theoretisch der Einsatz von Kunststoffen oder Gipsengeln möglich ist. Neu werden «nur noch» Naturstein, Holz, Bronze, Schmiedeeisen und Stahl erlaubt. Das liberale Regime der letzten Jahre ist auf dem Friedhof Dörndler gut sichtbar. Deshalb ist der einheimische Bildhauer Bohnert froh über den Entwurf. Ältere Gräber seien harmonischer, neue «lauter» und effektvoller. «Hohle Kunststoffengel haben auf einem Friedhof nichts zu suchen», sie seien als Massenprodukte seelenlos. «Grabmäler sind in der Form schlicht, ernst und ungekünstelt zu halten», steht nun im Reglement. Und: «Unzulässig sind Grabmäler mit unkünstlerisch unregelmässiger Umrissform.» Glas, Bronze und Schriftfarbe Auch die Gemeinden Rorbas und Freienstein-Teufen befassen sich aktuell mit Grabmälern. Sie haben für ihre gemeinsam geführten Friedhöfe ein neues Gesuchsformular aufgelegt. Das alte sei unpraktisch gewesen, sagt der Sekretär der Friedhofkommission, Erich Roost, zur Begründung. Welches Material das «richtige» und welches das «falsche» ist, bewerten die beiden Gemeinden anders als beispielsweise Kloten. Während die Flughafenstadt Glas ohne Probleme durchgehen lässt, ist es im unteren Embrachertal nicht als Werkstoff erlaubt. Umgekehrt lassen Rorbas und Freienstein-Teufen Bronze zu, was in Kloten nicht aufgeführt ist. Oder sie schliessen den Einsatz von Fotografien aus, während dies in Kloten nicht ausgeschlossen ist. Regensdorf lässt sie neu nur zu, wenn sie einen künstlerischen Wert haben. «Man soll dem Grabstein ansehen, dass er handwerklich gestaltet ist», fasst Roost das Prinzip zusammen. Er weiss: «Für einen hohen künstlerischen Anspruch muss man nicht zwingend mehr bezahlen.» Auch Bülach und die Kreisgemeinden haben ihre Verordnung geändert, doch im Gegensatz zu den anderen Gemeinden haben sie den Zaun weiter gesteckt. Das sei sinnvoll, sagt Heidi Binder von der Friedhofgemeinde Bülach, denn lange habe man eine zu strenge Regelung gehabt. «Wir haben festgestellt, dass einige Vorschriften zu starr sind und in der Praxis nicht eingehalten werden konnten.» So konnte früher eine Schrift nicht farblich hervorgehoben werden. Das wurde aber dennoch gemacht, weil man sie nicht lesen konnte. «Wir müssen keine Vorschriften erlassen, von denen wir wissen, dass wir sie sowieso nicht einhalten können», so Binder weiter. Bülach erlaubt zum Beispiel neu polierte Steine, ein typisches Element der südländischen Grabmalkultur. Dennoch bleibe das Prinzip weiterhin: Die Harmonie des Friedhofs soll gewährleistet bleiben. Und die Wünsche der Angehörigen sollen erfüllt werden. Wer hebt schon Gräber auf? Im Zuwiderhandlungsfall, so steht in allen Verordnungen drin, hätten die Behörden das Recht, Grabmale zu entfernen. Bildhauer Gantner hat aber die Erfahrung gemacht, dass kaum jemand diesen Schritt wagen würde. «Das würde zu einem unheimlichen Theater führen.» Selbst dann, wenn das Grabmal tatsächlich aus der Reihe tanze. Heidi Binder bestätigt: Tatsächlich sei dieser Schritt in den letzten paar Jahrzehnten noch nie vollzogen worden. Man könne immer eine Lösung finden. «Das ist aber ein Passus, der hineingehört für den Fall, dass alle Stricke reissen.» Das neue Bülacher Reglement soll ab Ende Jahr gelten. Der Regensdorfer Entwurf kann noch bis Ende Oktober bei der Gemeindeverwaltung angeschaut werden. Ohne Einwände wird die neue Verordnung ab Mitte November gültig. Viele Gemeinden haben Angst vor zu bunten und «lauten» Grabmalen auf ihren Friedhöfen. Sie erlassen deshalb strengere Vorschriften. Fotos: David Baer

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