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Kennenlernen auf die schnelle Art

Susanne Tschumi

Ein Jahr nach der gross angelegten «Leute-macht-mehr-Babys»-Aktion fällt die Bilanz ernüchternd aus. Trotz grosszügigen staatlichen Finanzspritzen für werdende Eltern kamen in Singapur nicht mehr Babys auf die Welt als die Jahre davor. Das Land hat nach wie vor eine der tiefsten Geburtenraten der Welt. Dabei wird nicht nur mit finanziellen Anreizen versucht, junge Leute zum Heiraten und Kinderkriegen zu animieren. Die Regierung bemüht sich nach Kräften, die Leute für die Wichtigkeit des Familiensinns zu sensibilisieren. Im Fernsehen laufen TV-Spots, die Zeitungen sind voll mit seitengrossen Inseraten. Immer wieder gibt es spezielle Aktionen zum Thema Heirat und Familie. Am vergangenen Wochenende etwa gaben sich im botanischen Garten 163 Paare das Ja-Wort. Wenn es in Singapur eine Heso gäbe, wäre das Sonderzelt garantiert diesem Thema gewidmet, findet doch hier an jedem Wochenende irgendwo eine Heiratsmesse statt. Auch die Singapurer Gondelbahn musste kürzlich für Verkuppelungsversuche herhalten. Speeddating nennt es sich, wenn innerhalb weniger Stunden Dutzende von potenziellen Partnerinnen oder Partnern unter die Lupe genommen werden. Jeweils zwei Männer und zwei Frauen nutzten die kurze Fahrt auf die Freizeitinsel Sentosa, um sich gegenseitig zu beschnuppern, bevor sie in die nächste Gondeln wechseln durften (oder mussten, wenns denn tatsächlich gefunkt haben sollte). Die Aktion fand kurz vor der Schliessung der Gondelbahn statt, welche jetzt umfassend saniert wird. Wer weiss, vielleicht verabschiedet sich die Sesselbahn auf den Weissenstein ja auch mit einem amourösen Schlussbouquet. Die Zweiersessel eignen sich schliesslich für eine romantische Tuchfühlung ungleich besser als die Vierergondeln. Und Ende Oktober dürfte es kalt genug sein, um sich in die Armeedecken kuscheln zu können. An der Finanzierung muss eine solche Aktion auch nicht scheitern. Hier wurde das Speeddating in den Gondeln von der führenden Partei unterstützt – und das ohne dass demnächst Wahlen anstehen. Das Interesse an den bald ausrangierten Weissenstein-Sesseli soll gross sein, habe ich gelesen. Auch hier mangelt es nicht an Ideen, wie die alten Gondeln weiter genutzt werden könnten. Die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass diese bald als Unterstand bei Gewittern dienen könnten. Spätestens dann sollte also der Blitz doch noch einschlagen. Auf einen gewitterfreien Abend hofft man hier am Sonntag. Was in der Schweiz auch schon mehrfach diskutiert wurde (wenn auch meistens wohl eher als Aprilscherz), ist hier nämlich seit letztem Jahr Realität. Formel-Eins-Piloten kämpfen am Wochenende beim zweiten Nachtrennen von Singapur um einen Spitzenplatz. Der Aufwand, der für das Rennen betrieben wird, ist enorm. Wochen vorher werden die Beleuchtungen montiert und Absperrungen und Tribünen aufgebaut. Weil das Rennen auf den normalen Strassen stattfindet, ist die Innenstadt für mehrere Tage für den Verkehr gesperrt. Nicht lustig finden das die betroffenen Geschäfte und Restaurants, zu denen sich kaum noch Kundschaft verirrt. Für alle anderen scheint die Rechnung aber aufzugehen. Trotz Krise konnten die meisten Tickets an den Mann oder die Frau gebracht werden, wenn auch auf den letzten Drücker. Eine der besten Aussichten auf die Strecke hat man vom «Swissôtel». Die Zimmerpreise sind dementsprechend horrend. Die beste Sicht überhaupt bietet aber mit Sicherheit der Fernsehsessel zuhause. Dort können Sie nicht nur das Rennen mitverfolgen, sondern auch Aussichten auf die Skyline geniessen und den ganzen Formel-Eins-Zirkus miterleben. Vielleicht werden Sie gar Zeuge davon, wie sich zwei Abenteuerherzen in einem Formel-Eins-Boliden das Ja-Wort geben. Auch irgendwie Speeddating. Susanne Tschumi war Redaktorin des Solothurner Tagblatt. Die Solothurnerin lebt heute in Singapur und warf an dieser Stelle jeweils einen Blick auf zwei Welten. >

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