Zum Hauptinhalt springen

Lädelisterben im Glatt

Die Neuerfindung des Glattzentrums bedeutete für viele Geschäfte das Aus. Inhaber kritisieren die Geschäftsleitung und bangen um ihre Zukunft.

Von Kathrin Morf Wallisellen – Einladend wirkt das Walliseller Einkaufszentrum Glatt seit dem Umbau: Ein neuer Fast-Food-Bereich und grosse, lichtdurchflutete Läden locken. Ein Dutzend Inhaber kleinerer Läden kann sich über den neuen Glanz aber nicht freuen. Während die Bauarbeiten fortschritten, musste einer nach dem anderen das Zentrum verlassen, viele nach Jahrzehnten. Stefan Gross, Geschäftsführer des Glatt begründet den Schritt folgendermassen: «Wir haben auf der oberen Verkaufsebene mehreren kleinen Geschäften den Mietvertrag nicht verlängert – mit einem entsprechenden Vorlauf.» Dies sei nötig gewesen, um einer modernen Gastronomie Platz zu machen. Gesundes, abwechslungsreiches Essen spiele heute in einem Shoppingcenter eine viel grössere Rolle als vor 30 Jahren und werde vor allem von Besucherinnen erwartet. Seit Neujahr sind alle draussen. «Vom wunderbaren neuen Glatt reden alle», sagt Foodparadies-Inhaber Ahmet Dukaj. «Niemand spricht aber von den Menschen, die dafür leiden mussten.» Einer dieser Menschen ist Ömer Sale von Chalet Goldschmied. «Erst gabs das Lädelisterben auf dem Land. Nun erreicht es die Einkaufszentren», meint er. «Die grossen Geschäfte rentieren wohl mehr als die kleinen, in die Familien all ihr Herzblut stecken.» Dem widerspricht Stefan Gross: «Schaut man, welche neuen Mieter in den Gastronomiebereich eingezogen sind, wird klar: Dort sind mehr lokale Familienbetriebe als je zuvor in der Geschichte des Glatt.» Ömer Sale, Vater dreier kleiner Kinder, ist nun auf der Suche nach Arbeit. Andere ehemalige Mieter haben bereits eine neue Lösung gefunden, Heidi Krebs zum Beispiel. Verzweifelt suchte sie nach der Kündigung nach einem neuen Standort für ihren Hobby- und Eisenbahnshop. «Mein ganzes Geld steckte im Laden. Ich bangte um meine Existenz», sagt die 59-Jährige. Erst Mitte Dezember – 2 Wochen bevor sie das Glatt nach 16 Jahren verlassen musste – fand sie ein Lokal in Glattbrugg. «Der neue Laden ist schöner», meint Kunde Jürg Kobler. «Ich habe das Glatt nur wegen Heidis freundlicher und kompetenter Bedienung besucht. In den grossen Läden erhalte ich diese nicht.» Happige Vorwürfe Den Grossen weichen musste auch die Kleiderboutique Aphrodite. «Das Lädeli war wie ein Kind für mich», sagt Heidi Claussen. Sie begreife zwar, dass das Zentrum mit der Zeit gehen müsse, die Geschäftsleitung habe aber nicht offen und fair kommuniziert. «Ich überschrieb den Laden sechs Monate vor der Kündigung meiner Tochter. Da wussten die Herren doch bereits, dass sie uns kündigen werden», sagt sie. «Sie hätten mir das teure Prozedere ersparen können.» Zudem habe sie vergeblich auf eine persönliche Erklärung gehofft. «Seit der Glatt-Eröffnung vor 35 Jahren waren wir schliesslich zuverlässige Mieter.» Tochter Cornelia hat immerhin eine Stelle als Haushälterin gefunden und ist glücklich. Rechtsstreit mit Kompromissen Ein offenes Gespräch hätte sich auch Dukaj gewünscht. «Sieben Jahre im Glatt reichten nicht, um meine Investitionen rauszuholen. Die Vermieter wollten aber nicht darüber diskutieren, gingen uns allen aus dem Weg», erzählt er. Die Geschäftsleitung sieht dies anders: «In bin mir sicher, dass meine Vorgänger das persönliche Gespräch nie gescheut haben», sagt Stefan Gross. Weil sie nicht kampflos aufgeben wollten, gelangten Dukaj und elf weitere Mieter 2008 an eine Schlichtungsbehörde, die ihr «Bleiberecht» um jeweils sechs Monate verlängerte. Die Geschäftsleitung wollte aber pünktlich mit dem Umbau beginnen, zog den Entscheid ans Mietgericht weiter und erhielt recht. Dennoch anerboten die Glatt-Chefs den Mietern, länger zu bleiben, wenn sie den mühsamen Rechtsstreit beendeten. Auf Anraten ihrer Anwälte nahmen elf Kläger das Angebot an. «Alle ausser mir», so Dukaj. «Ich hatte 150 000 Franken Schulden und drei Kinder.» Er plante, am Obergericht um zusätzliche Monate oder gar Jahre zu kämpfen. Da offerierte ihm die Geschäftsleitung, bis Ende 2010 nebst dem Foodparadies auch die Bäckerei Kleiner zu führen, deren Inhaber früher aufhörte als geplant. Dukaj akzeptierte. So konnte er einen Teil seiner Schulden abarbeiten, bald eröffnet er das Caffè e più in Oerlikon. «Im Glatt habe ich aber doppelt so viel verdient», sagt er. Der Rauswurf wiegt schwer für viele Lädelibesitzer – auch für Familie Ünal vom Express-Nähatelier Ünal. «Wir waren fast 30 Jahre hier. Die Kündigung war ein schwerer Schlag», erzählt Giray Ünal. «Wir haben zwar weitere Filialen, aber 70 Prozent des Umsatzes erwirtschafteten wir im Glatt.» Der 24-Jährige wollte nach dem Studium in den Familienbetrieb einstiegen. «Mir kommen die Tränen, wenn ich am Glatt vorbeifahre», sagt er. «Hier verbrachte ich den grössten Teil meiner Kindheit. Hier sah ich meine Zukunft. Ich habe mich geirrt.»

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch