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Leben für eine Tankstelle

Seit der Neueröffnung der Eni-Tankstelle in Wetzikon gelten längere Präsenzzeiten für das Betreiber-Ehepaar. Trotzdem denken Menga und Fritz Küng nicht an Ferien – ebenso wenig wie in den vergangenen 16 Jahren.

Von Annette Saloma-Huber Wetzikon – Das Reich von Menga und Fritz Küng ist voller Sandwiches, Alkohol und Schokolade. Trotzdem ist ihre Arbeit kein Zuckerschlecken. An diesem Tag fällt der Schnee so stark, dass Fritz Küng beim Schneeschaufeln kaum vorwärtskommt. Irgendwann gibt der kräftige Mann auf und geht an die Wärme. «Jetzt brauche ich ein Bier!», sagt der 58-Jährige und setzt sich an einen der hellen Holztische im Bistro der Eni-Tankstelle in Wetzikon, die er mit seiner Frau Menga als Pächter betreibt. Die beiden arbeiten hart, von frühmorgens bis spätabends. Die letzten Ferien sind Ewigkeiten her. «Ich glaube, vor 16 Jahren waren wir in Mallorca», versucht sich Menga Küng zu erinnern. Auch die Kinder wollten betreut sein: «Sie waren immer hier bei uns, spielten und machten Hausaufgaben», erzählt die schmale 53-Jährige mit den sorgfältig geschminkten blauen Augen. «Ausserdem nahm ich mir jeweils den Mittwochnachmittag frei.» Am Sonntag übernahm zudem eine Angestellte den Betrieb. Trotz harter Arbeit sind Küngs mit ihrem Leben zufrieden, tauschen möchten sie nicht. «Wir lieben den Kundenkontakt. Immer läuft etwas, jeder Tag ist anders», betonen sie. Rahmenbedingungen gegeben Trotz allem Einsatz war das Ehepaar nie ganz sein eigener Chef. Die Firma Eni, der die Tankstelle gehört, gibt die Rahmenbedingungen vor. Über diese setzte sich Fritz Küng auch schon hinweg. So schloss der eigenwillige Mann mit dem grau melierten Haar den Laden jahrelang bereits um 20 Uhr, statt wie vorgeschrieben um 22 Uhr. «Wenn man nicht fragt, kann auch niemand Nein sagen», sagt er dazu. Seit der Neueröffnung im November ist jedoch nichts mehr wie vorher. Mit der Vereinheitlichung aller Agip-Tankstellen baute Eni einen neuen Tankstellenshop mit einer Kaffeebar, schrieb Sortiment und Öffnungszeiten vor und kontrolliert regelmässig. «Früher hatten wir mehr Freiheiten», sind sich beide einig. Verbittert klingen sie aber nicht. Auch wenn ihnen Eni vor dem Umbau sogar gekündigt hatte. Sie mussten sich neu bewerben, erhielten dann aber den Zuschlag. Die Tankstelle ist ihr Leben, abgeben fällt ihnen schwer. Sogar Weihnachten und Neujahr haben sie hier verbracht. Neu hat der Tankstellenshop 365 Tage im Jahr von 6 bis 22 Uhr geöffnet. Seit der Neueröffnung läuft das Geschäft wie geschmiert. Die Präsenzzeit des Ehepaars ist trotz vier Angestellten enorm. «Wenn du so weitermachst, fällst du bald um», meint Fritz Küng zu seiner Frau. Diese winkt ab: «Ich brauche das, ich kann nicht still sitzen.» Trotzdem ist beiden klar, dass es so nicht weitergehen kann. Im neuen Jahr wollen sie weitere Leute einstellen. Angst vor dem Risiko Fritz Küng ist in Wolfhausen aufgewachsen, Menga im Domleschg. Auf der Suche nach einem Job im Service kam sie ins Unterland. Kennen gelernt haben sie sich vor 31 Jahren in Stäfa. Fritz war Gast im Restaurant, in dem Menga servierte. Kurz darauf heirateten die beiden, drei Kinder komplettierten die junge Familie. Vor 22 Jahren wurde ein Pächter für die Tankstelle an der Zürcherstrasse gesucht. Vor allem die dazugehörige Autogarage interessierte den gelernten Automechaniker. Menga war skeptisch, hatte Angst vor dem Risiko. Doch sie liess sich überreden. Und hat es nie bereut. Wie ihr Rentnerleben einmal aussehen soll, darüber ist sich das Ehepaar nicht einig. Während Fritz Küng von einer Reise mit dem Camper durch die Welt träumt, schaut Menga skeptisch. Sie will sich irgendwann aus dem Tagesgeschäft zurückziehen, aber trotzdem Pächterin des Tankstellenshops bleiben. Vielleicht gelingt es Fritz Küng trotzdem, sie zu überreden. Wie damals, vor 22 Jahren. Es fällt Menga und Fritz Küng schwer, ihre Tankstelle dem Personal zu überlassen.Foto: Nicolas Zonvi

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