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Masseurin bricht Weltrekord

Magdalena Reichart hat 141 Menschen massiert – innerhalb von 24 Stunden.

Von Daniel J. Schüz Oetwil – Ein Fanfarenstoss reisst das Publikum von den Stühlen. Frenetischer Applaus brandet auf. Die stehende Ovation gilt der Frau auf dem Podium: Magdalena Reichart nimmt die Hände von einem Mann, der bäuchlings vor ihr auf dem Schragen liegt: Martin Müller mit der Kandidaten-Nummer 129. Er ist der Mann, der seiner Masseurin einen Traum wahr gemacht hat. Innert 22 Stunden hat Magdalena Reichart die Nacken und Rücken von 129 Menschen massiert – und eben gerade den Weltrekord im Dauermassieren gebrochen. Es ist Samstagnachmittag, 15 Uhr. In der Oetwiler Mehrzweckanlage Breiti atmet die Masseurin tief durch, winkt und lächelt in Richtung der Menschen, die ihr zujubeln. Heinrich ist da, ihr Mann; ihre Töchter Any, 17, und Thea, 14; Freunde und Helfer, viele der Menschen, die sie bereits durchgeknetet hat – und die zwölf, denen der Genuss noch bevorsteht. Als habe sie erst begonnen Magdalena Reichart hört sie nur, sehen kann sie nichts: Der Schleier in den Augen raubt ihr die Sicht. Aber sie hat keine Zeit, sich die Tränen aus dem Gesicht zu wischen. Die 37-jährige gebürtige Kroatin, seit zwei Jahren Inhaberin des Oetwiler Wellness-Massagestudios Bodydream, gibt sich einen Ruck – und wendet sich dem Kandidaten 130 zu. Derweil erhebt sich Martin Müller, noch leicht benommen, von seiner Liege. «Es ist erstaunlich», sagt er. «Das war kein kraftloses Streicheln.» Der 37-jährige Oetwiler Bodenleger und frühere Spitzensportler weiss, wovon er redet: Vor vierzehn Jahren hat er an den Sommerspielen in Atlanta mit dem 7. Rang im Freistilringen ein olympisches Diplom errungen. Er weiss, wie sich eine gute Sportmassage anfühlt – und staunt: «Selbst nach 22 Stunden hat Magdalena noch so viel Energie und Gefühl in den Fingern, dass man glaubt, sie habe gerade erst mit dem Massieren begonnen.» Der Rekord ist nicht genug Der Moment, als der Rekord fiel, sei «die einzig schwierige Situation» gewesen, wird Magdalena Reichart später zu Protokoll geben. «Ich habe mich wirklich zusammenreissen müssen, um den Endspurt in Angriff zu nehmen und die letzten zwei Stunden durchzustehen.» Denn sie hat sich nicht nur den Weltrekord vorgenommen: «Sie will», sagt Heinrich Reichart, während seine Gattin mit dem Kandidaten Nummer 130 die 23. Stunde in Angriff nimmt, «in 24 Stunden 141 Menschen massieren, jeweils zehn Minuten lang, nonstop – und ich kenne sie: Wenn die Magdalena sich etwas vorgenommen hat, dann zieht sie das auch durch.» Alle sechs Stunden gönnt sie sich zehn Minuten Pause, verschwindet kurz auf der Toilette, verdrückt einen Gipfel, gefüllt mit einem Schoggistängeli, nimmt einen Schluck Wasser zu sich. Nur ein-mal, um fünf Uhr am Samstagmorgen, erlaubt sie sich einen Espresso – «den», lächelt sie, «hatte ich dringend nötig». Sie arbeitet mit der Präzision eines Uhrwerks. Und als sich um 16.20 Uhr der Schreibende als Kandidat Nummer 138 unter Magdalenas Hände begibt, kann sie noch immer lächeln. Im linken Daumen hat sich zwar ein Schmerz bemerkbar gemacht, aber das spürt nur die Masseurin – in der Wahrnehmung des Massierten breitet sich vom Rücken her wohlige Entspannung auf den ganzen Körper aus. 17 Uhr. Wieder die Fanfare, tosender Applaus. 141 Menschen in 24 Stunden. Magdalena lächelt immer noch, ein bisschen verlegen – und fällt ihrem Heinrich in die Arme. Warum ausgerechnet 141 Menschen? «Ich verrate es gerne», grinst sie: «Ich hab am 14. 1. Geburtstag!» Und warum ausgerechnet an diesem 25. September? Kurzes Schweigen. «Weil heute mein Vater 60 Jahre alt wird», sagt Magdalena Reichart. «Ihm widme ich den Rekord, ihm, Slatko Jakob, gehören meine Gedanken.» Sie erzählt, wie der Vater seinerzeit in ihr die Leidenschaft fürs Massieren geweckt hat: «Er war Waldarbeiter, hat ganze Bäume geschleppt – und wenn er abends mit schmerzendem Rücken nach Hause kam, bin ich – damals acht Jahre alt – mit den Füssen auf seinen Muskeln herumgetrampelt!» Für den verschollenen Vater Zehn Jahre später – Magdalena war bereits in der Schweiz – erfuhr sie die Schreckensnachricht: In Kroatien tobte der Bürgerkrieg. Der Vater hatte Verwundete ins Spital bringen wollen, als das ausgebrannte Wrack seines Autos gefunden wurde, von den Insassen keine Spur. Seither ist Slatko Jakob verschwunden. «Es gab Leute, die ihn in einem Gefangenenlager gesehen haben wollen», erzählt sie. «Andere behaupten, er lebe irgendwo nahe der Heimatstadt und habe sein Gedächtnis verloren.» Magdalena hat die Hoffnung nie aufgegeben, dass ihr verschollener Vater eines Tages wieder auftaucht. «Und eines habe ich gelernt: Geh nie aus dem Haus, ohne dich zu verabschieden!» Sie hat am Samstag nicht mehr die Kraft, sich feiern zu lassen. Aber am Sonntagmorgen erwacht sie nach langem, tiefem Schlaf unter den massierenden Händen ihres Mannes. Heinrich Reichart belohnt seine Frau mit einer Entspannungsmassage für den Weltrekord. Der 141. Kandidat ist Magdalena Reicharts Mann Heinrich. Nach dem Rekord werden die Rollen getauscht. Foto: Silvia Luckner

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