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Meerestiere im Solothurner Jura

Es ist neun Uhr morgens und genau das richtige Wetter für einen Spaziergang. Nicht irgendein Spaziergang soll es sein, denn Silvan Thüring, Geologe und profunder Kenner von Fossilien, ist mit dabei. Er packt zwei geologische Hammer, Lupen zum Umhängen und einen kleinen Rucksack aus dem Auto. Nun kann es losgehen. Der Schnellkurs für Liebhaber von Versteinerungen beginnt mit einem Marsch durch Felder und Wälder – der Ort wird auf Wunsch des Geologen nicht angegeben. Im Hintergrund sind einige Felsen auszumachen. In diese Richtung soll die Wanderung gehen. Natürlich dreht sich das Gespräch sofort um Fossilien. «Wir befinden uns sozusagen auf einer Zeitreise durch 150 Millionen Jahre», sagt Silvan Thüring. Er liest dies an den Gesteinsschichten ab. Noch etwas sollte man wissen, wenn man sich auf die Suche nach Schönheiten aus verflossenen Zeiten macht: Im Kanton Solothurn ist man verpflichtet, wichtige Funde dem Amt für Umwelt oder dem Naturmuseum zu melden. Doch was ist ein wichtiger Fund? Der Blick schweift etwas ratlos über den Steinweg, auf dem wir uns befinden. Marschieren wir etwa gerade über einen sensationellen Fund? Thüring verneint lachend. Das seien herbeigeführte Kieselsteine aus einem Bachbett. Hier Fossilien zu suchen, würde sich nicht lohnen. Das Motto «je mehr man sucht, desto mehr findet man», gilt hier also nicht. Einige Wegkurven weiter oben schaut der Geologe gebannt in den Hang. Ein Stück Felsen wurde herausgeschlagen, um Platz für den Weg zu schaffen. «Ein Aufschluss», sagt der Fachmann. Die mitgeführten Hammer kommen erstmals zum Einsatz. (Statt eines geologischen Werkzeugs tuts als Alternative auch ein kleiner, aber robuster Hammer aus einem Baumarkt). Erfolglose Schläge auf die Mitte eines Steines zeigen, dass eine Anfängerin am Werk ist. «Manchmal muss ein Stein vorsichtig mürbe geschlagen werden, vom Rand zur Mitte hin», erklärt Thüring. Der Stein ist «mürbe» und liegt nun in vielen Einzelteilen zerlegt da. Doch ein Muschelstück oder gar ein Seeigel ist nirgends zu sichten. Es ist ein bisschen wie beim Lottospiel: ohne Glück kein Gewinn. Da besticht der Vorschlag des Geologen: «Geht eine ganze Familie systematisch auf die Suche, erhöht sich natürlich die Chance auf einen Treffer.» Wir geben aber noch lange nicht auf, schliesslich haben wir noch sieben Stunden Zeit. Eine halbe Stunde später liegen bereits zwei Steine in den mitgeführten Plastiksäckchen. Es sind keine Fossilien, aber Kristalle aus Calcit, die verführerisch in den Hohlräumen glänzen. Betrachtet man sie mit der Lupe, wähnt man sich in einem Wunderland. Irgend einmal ist es dann soweit: eine dunkle Stelle in einem Stein entpuppt sich als Fossil. Es ist die Schale einer versteinerten Muschel. Behutsam legen wir sie in den Rucksack. Fossilien sind manchmal fragiler als die sie umgebende Gesteinmasse und müssen vorsichtig behandelt werden. Der Fund gibt einen Hinweis auf eine ergiebige Fundstelle. Thüring hat einen weiteren Vergleich auf Lager: «Irgendwie ist es wie bei einem Kriminalfall. Wir suchen nach Indizien und die führen uns zum Tatort.» Der «Tatort» ist in diesem Fall eine Geröllhalde am Fuss eines kleinen Felsens. Hier liegen tausende versteinerte Korallen, Armfüssler, Seeigel und Muscheln. Viele bleiben den suchenden Blicken verborgen, doch zwischendurch schlägt das Entdeckerherz höher. Ein halbrundes Stück Seeigel präsentiert sich aus einem Steinbrocken herausragend, Stiele von versteinerten Seelilien ziehen die Aufmerksamkeit auf sich und beim genaueren Hinsehen entpuppt sich ein Stück Dreck als ein Abdruck eines versteinerten Ammoniten. Nach einer sechsstündigen Wanderung sind wir wieder zurück auf dem Parkplatz. Einzelne Versteinerungen haben wir mitgenommen, andere liegen weiterhin bereit, um von Spaziergängern und Feldforschern entdeckt zu werden. Ursula Grütter >

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