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Militär prüft Prime Tower auf Erdbeben- und Sturmfestigkeit

750 Rekruten führen heute auf dem Dach des Hochhauses Belastungstests durch. Die feinen Schwankungen werden in einer Simulation hochgerechnet.

Von Ruedi Baumann Zürich – Schwache Winde und eine erwartete Temperatur von 17 Grad sind ideale Voraussetzungen. Denn heute ab 14 Uhr finden die vom Zürcher Amt für Baubewilligungen verlangten Belastungstests für Sturmwinde und Erdbeben beim höchsten Gebäude der Schweiz statt. Die Versuchsanlage mutet etwas archaisch an, ist aber im Schiffs- und Brückenbau gang und gäbe. Zur Berechnung von Krängungs- und Auslenkwinkeln bewegen sich auf Schiffen mehrere 100 Passagiere von backbord nach steuerbord. Auf Brücken bilden Lokomotiven oder Baumaschinen die benötigten Gewichte. Die heutigen Tests auf dem Prime Tower sind logistisch und messtechnisch sehr anspruchsvoll. Weil die Liftanlagen noch nicht abgenommen und die Baukräne bereits demontiert sind, müssen die Soldaten die 36 Stockwerke zu Fuss bewältigen. Die 750 Mann rekrutieren sich aus der Übermittlungs-RS 63 Bülach, der Infanterie-RS 6 Birmensdorf und der Genieschule 74 Bremgarten. Simulation des 50-Jahr-Windes Die Soldaten haben drei Tests zu absolvieren: den Wind-, den Schwingungs- und den Erdbebentest. Der erste ist nicht sehr anspruchsvoll. Alle Mann müssen sich je einmal möglichst nah an der Nord-, der Ost-, der Süd- und der Westbrüstung versammeln. Durch das geschätzte Gesamtgewicht von 60 Tonnen in 126 Meter Höhe entsteht eine genau definierte Scherkraft, die in seitlichen Winddruck umgerechnet wird. Der Prime Tower muss einem sogenannten 50-Jahr-Wind widerstehen, das entspricht 240 Kilo Winddruck pro Quadratmeter. Bei 50-Jahres-Stürmen beträgt die maximale Auslenkung der Turmspitze 35 Zentimeter. Der Schwingungstest ist sportlich und organisatorisch anspruchsvoller. Gemäss Bauingenieur schwingt der Turm mit 0,2 Hertz, das heisst, er bewegt sich im Sturm alle 5 Sekunden einmal hin und einmal her. Da man bei einem einigermassen fitten Rekruten in Turnschuhen von einer 100-Meter-Sprintzeit von 13,5 Sekunden ausgehen kann, müssen die Rekruten jeweils 30 Meter hin- und herrennen. Bildlich kann man sich das wie bei einer grossen Gartenschaukel vorstellen.Am heikelsten – und umstrittensten – ist der Erdbebentest. Soldaten im Gleichschritt erzeugen Resonanzschwingungen, die dann in Erdbebenstösse umgerechnet werden. Legendär ist allerdings die Resonanzkatastrophe vom 12. April 1831, als 74 britische Soldaten im Gleichschritt – ein Marschlied pfeifend – über die Broughton Suspension Bridge marschierten – und diese wegen der Resonanzschwingungen einstürzte. Seither ist es grösseren Gruppen in vielen Ländern verboten, im Gleichschritt über eine Brücke zu marschieren. Armee streitet mit Zivilschutz Umstritten ist der Erdbebentest nicht etwa aus Angst, das Getrampel der Soldaten könnte dem Tower etwas anhaben. Dem Test war vielmehr ein Seilziehen zwischen Armee und Zivilschutz vorausgegangen. Stadtrat Daniel Leupi (Grüne), bloss Gefreiter bei der Infanterie, hätte für den Test gerne seine Zivilschützer zur Verfügung gestellt. Denn Swiss Prime Site bezahlt pro Mann und Nachmittag 50 Franken – plus Spesen. Diesen Ansatz hatte Verteidigungsminister Ueli Maurer vor den letzten Weltcuprennen in Wengen und Adelboden festgelegt. Zum offenen Streit war es gekommen, als Rolf André Siegenthaler, SVP-Kantonsrat, Oberst i Gst und Bremgartner Waffenplatzkommandant, sich in der Wortwahl etwas vergriff. «Zivilschützler sind undiszipliniert, übergewichtig, antiautoritär und für strammen Gleichschritt komplett ungeeignet.» Der Zivilschutz stellte sich darauf quer und verweigerte seine Mitarbeit.Pech für die Armee ist bloss, dass in der RS Birmensdorf 70 Rekruten wegen Brechdurchfalls hospitalisiert werden mussten. Das Amt für Baubewilligungen bittet nun Zivilisten um Mithilfe. Bedingung ist, dass sie die wichtigsten Zugsschulkommandos der Armee verstehen: «Halt!», «Austreten!», «Ruhn!», «Laufschritt, marsch!» Anmeldungen und Kommandotests 10–11 Uhr unter der Bauamt-Hotline 044 248 44 93. Das höchste Gebäude der Schweiz wird heute statisch getestet. Foto: Reto Oeschger

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