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Nicht immer nur geradeaus

Pilgern ist in – spätestens seit dem Buch «Ich bin dann mal weg» des deutschen TV-Komikers Hape Kerkeling. Schritt für Schritt auf Sinnsuche: Unsere Autoren berichten von ihren Erfahrungen auf dem Jakobsweg von Porto nach Santiago de Compostela.

Sie kommen in Scharen: Junge Pilger am Ziel in Santiago.
Sie kommen in Scharen: Junge Pilger am Ziel in Santiago.
Miguel Vidal, Reuters
Schwer bepackt: Im Juli und August pilgern jeweils die meisten Menschen den berühmten Pfad entlang.
Schwer bepackt: Im Juli und August pilgern jeweils die meisten Menschen den berühmten Pfad entlang.
Felix Ordonez, Reuters
Das Ziel der Reise: Die Kathedrale von Santiago de Compostela.
Das Ziel der Reise: Die Kathedrale von Santiago de Compostela.
Nicole Hättenschwiler
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Als Auszeit war es geplant. Als eine Art Übergangsritual vom Studentenleben in den Berufsalltag. Vielleicht waren es auch spirituelle Gründe, die uns, zwei Frauen mit dem Lizentiat in der Tasche, auf den Jakobsweg schickten. Die Suche nach Ruhe, Einfachheit und Natur. Zeit zu haben zum Nachdenken. Über Vergangenes und über das, was noch vor uns liegt. Doch wenig ahnten wir zu Beginn, was die zwei Wochen tatsächlich für uns bereithalten würden.

Unsere Reise startet in Porto, der nach Lissabon zweitgrössten Stadt Portugals. Porto hat den Charme einer älteren Dame, deren Schönheit schon ein wenig verblasst ist. Von hier sind es 235 Kilometer bis nach Santiago de Compostela, wo sich der Legende nach das Grab des Apostels Jakobus befindet. Seit Jahrhunderten pilgern die Menschen aus allen Teilen Europas an den Wallfahrtsort in Galicien. Da wir nur zwei Wochen Zeit haben, ist die Strecke für uns ideal.

Ungemütlicher Anfang

Das echte Pilgern beginnt erst zehn Kilometer ausserhalb von Porto. Für die Strecke durch die grauen Vororte muss der Bus herhalten. Und wenn Pilgern Leiden beinhalten soll, dann werden die ersten Kilometer diesem Anspruch gerecht. Wir marschieren viel befahrenen Landstrassen entlang, links versperrt uns eine hohe Steinmauer die Aussicht, und auf unserer rechten Seite brausen die Autos vorbei. Je länger wir unterwegs sind, desto mehr drücken wir uns an die Mauer, denn die Autofahrer scheinen nicht etwa abzubremsen, wenn sie uns erblicken, sondern vielmehr aufs Gaspedal zu drücken, um uns möglichst rasch zu überholen.

Mais, Wein und Eukalyptus

Irgendwann wird der Verkehr spärlicher, die Mauern entlang den Strassen niedriger – und endlich können wir den Blick vom Asphalt heben und das satte Grün um uns herum aufsaugen. Mit den kargen, zerklüfteten Landschaften der Algarve hat diese Region Portugals nicht viel zu tun. Der Norden scheint die Maiskammer des Landes zu sein. Maisfelder, so weit das Auge reicht, voneinander abgegrenzt durch malerische Alleen aus Weinreben. Ab und zu ist der Weg gesäumt von Eukalyptusbäumen, die im Wind gespenstisch rascheln.

Nach 26 Kilometern haben wir unser Tagesziel schon fast vor Augen. Es ist abends gegen 19 Uhr, die Füsse schmerzen von der ungewohnten Belastung, wir sind staubig und hungrig. In der Ferne bellt ein Hund. Plötzlich wird aus dem Bellen ein Winseln, eine Art heiseres, schmerzverzerrtes Quietschen. Das Geräusch lässt uns innehalten. In diesem Moment kommt ein kleiner Hund aus dem Wald geschossen, rennt ans uns vorbei und versteckt sich im Gebüsch. Wir nähern uns dem eingeschüchterten Tier, und als es endlich Zutrauen gefunden hat, will es gar nicht mehr aufhören, unsere Gesichter abzulecken. Etwas ratlos sitzen wir mit dem struppigen, mit Flöhen übersäten Hund auf dem Waldboden. Eine Stunde und ein paar ergebnislose Gespräche mit Anwohnern später entscheiden wir uns, den offensichtlich ausgesetzten Welpen mit uns zu nehmen.

Pilgerleben mit Hund

Ein gutes Dutzend Pilger übernachtet in der Herberge von Rates. Den Hund, den wir mittlerweile Struppi genannt haben, finden zwar alle süss, mit ihm das Zimmer teilen möchte aber niemand. Da wir unser Findelkind nicht so einfach alleine lassen wollen, verbringen wir die Nacht im Aufenthaltsraum der Herberge. Am nächsten Morgen wird die Wäscheleine zur Hundeleine umfunktioniert, im Dorfladen kaufen wir frischen Schinken und aus einer Petflasche schnitzen wir eine Trinkschale. Nach zwei Stunden ist klar: Pilgern mit einem verstörten kleinen Hund ist fast unmöglich. Aus Angst, gleich wieder verlassen zu werden, rennt unser Wandersgenosse im Zick-Zack von einer zur anderen. Danach ist er so müde, dass wir ihn zehn Kilometer fast ununterbrochen tragen müssen.

Der Schutzengel Antonio

Da tritt zum ersten Mal ein Schutzengel in unser Pilgerleben. Er heisst Antonio und ist der Wirt eines Restaurants in Pedra Furada. Als wir ihm erzählen, wie schwierig es ist, eine Übernachtungsgelegenheit zu finden, wo wir den Hund mitnehmen können, drückt er uns seinen Wohnungsschlüssel in die Hand. Und nach einem Telefonat mit einer Bekannten hat er auch schon ein mögliches Zuhause für Struppi gefunden.

Doch bevor wir ihn weggeben, soll das Tier noch einen Gesundheitscheck erhalten. In der Clinica Animal in Barcelos lächelt uns ein junger Tierarzt entgegen. «Wieso wollt ihr den Kleinen nicht mit in die Schweiz nehmen?», fragt er uns. Eine Stunde später ist alles geregelt. Der Tierarzt behält Struppi für zehn Tage bei sich und sorgt für die nötigen Impfungen und Papiere. Nach unserer Ankunft in Santiago werden wir ihn wieder abholen und mit ihm in die Schweiz fliegen.

Auf dem richtigen Weg

Nun wieder zu zweit geht die Reise weiter. Sie führt uns durch mittelalterliche Städtchen, entlang von glasklaren Bächen durch lauschige Wälder oder auch lang gezogene staubige Industriegebiete. Abends in den Herbergen waschen wir unsere Kleider, suchen uns dann ein kleines Restaurant, oder teilen mit neuen Bekanntschaften Brot, Oliven und eine Flasche Wein. Da wir meistens erst um 9 oder 10 Uhr morgens loslaufen, treffen wir während des Tages kaum auf andere Pilger. Oft scheint es auch, als wanderten wir durch menschenleere Ortschaften. Doch kaum nehmen wir irgendwo eine falsche Abzweigung, führen uns laute Rufe der Dorfbewohner wieder auf den richtigen Weg zurück.

Nach etwa acht Tagen habe ich das Gefühl, angekommen zu sein auf dem Jakobsweg. Zum ersten Mal stehe ich am Morgen auf, ohne steife Waden zu haben. Und zum ersten Mal habe ich auch die Musse, etwas anderes als Telefonnummern und E-Mail-Adressen in mein Tagebuch zu schreiben.

Von Padrón sind es noch 24 Kilometer bis nach Santiago de Compostela, ein Tagesmarsch also. Im grossen Schlafsaal der Herberge klingeln die Wecker und Mobiltelefone an diesem Morgen noch früher als sonst. Der Griff nach den Ohrenstöpseln geschieht mittlerweile schon fast so routiniert wie zu Hause der Schlag auf den Snooze-Knopf. Zwei Stunden später ist das Haus so gut wie leer. Nur ein paar zerknüllte Plastiktüten, ein vergessenes T-Shirt und der Geruch nach menschlichen Ausdünstungen erinnern an die fast 60 Menschen, die hier übernachtet haben.

Der zweite letzte Tag

Der letzte Tag ist angebrochen. Eigentlich. Denn wir möchten nicht, dass es schon zu Ende ist. Und nachdem wir auf den ersten fünf Kilometern drei Kaffeepausen gemacht haben, entscheiden wir uns, dass es noch einen zweiten letzten Tag geben soll. Und einen zweiten letzten Abend, den wir mit einem Amerikaner, einem Deutschen, zwei Spanischen Studenten und unzähligen Flaschen Rotwein in der Herberge von Teo verbringen. Am nächsten Tag wandern wir früh los, denn wir möchten um 12 Uhr die Pilgermesse in Santiago besuchen. Morgens kurz nach 8 Uhr kriecht der Nebel aus den Feldern und vermischt sich mit den ersten Sonnenstrahlen. Auf den letzten 12 Kilometern macht sich eine leichte Wehmut breit. Und als wir am Mittag mit hunderten von andern Pilgern in der überfüllten Kathedrale sitzen, kommt die Gewissheit, dass wir hierher zurück kehren werden. Der Camino hat uns längst in seinen Bann gezogen.

Und unser mit Flöhen übersätes, verwahrlostes Findelkind? Struppi heisst heute Milo und lebt in einem Haus mit Garten im Tessin. Er hatte wohl mehr als einen Schutzengel.

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