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Pflastersteine aus Kinderhand?

Bewusster Umgang mit Steuergeldern endet nicht beim Sparen. Bei der Beschaffung von Waren aus China oder Indien stellt sich den Gemeinden die Frage der sozialen Nachhaltigkeit.

Granit aus China, Vietnam oder Indien ist in grösseren Mengen, in besserer Qualität und vor allem billiger zu haben als Ware aus Europa oder der Schweiz, sagen Fachleute. Anastasios Ghiatras vom Grosshändler Interstein AG schätzt den Preisunterschied auf 20 bis 30 Prozent. «Die Herkunft wird aber immer mehr zum Thema», sagt er. Ungewissheit über die Arbeitsbedingungen in asiatischen Steinbrüchen wollen sich immer weniger Beschaffer der öffentlichen Hand leisten. Die 25 000 Tonnen, die Interstein jährlich aus Asien importiert, sind mit dem Label «Fair Stone» zertifiziert. Vertreter der Firma seien jährlich vor Ort, um dessen Einhaltung zu überprüfen. Wer im Auftrag der Stadt Zürich Natursteine verbauen will, muss vorab deren Herkunft deklarieren und bei aussereuropäischer Ware ein anerkanntes Zertifikat vorlegen. Ist der Auftrag vergeben, unterzeichnen Bauunternehmer mit dem Vertrag die Nachhaltigkeitsrichtlinien der Stadt und garantieren für deren Einhaltung in der gesamten Produktionskette. «Wir kontrollieren jede Charge, die auf die Baustelle geliefert wird», sagt der stellvertetende Stadtingenieur Vilmar Krähenbühl. Ein- bis zweimal jährlich überprüfe die Stadt zudem die Einhaltung der Zertifikate bei den Importeuren. Dies sei ein grosser Aufwand, der sich für kleinere Gemeinden nicht lohne. «Sie können aber von unserer Arbeit profitieren und bei ihren Submissionen jene Zertifikate voraussetzen, die wir überprüft haben», schlägt der Zürcher Stadtingenieur vor. (ami) Von Amir Ali Unterland – Nach der Sanierung der Bülacher Altstadt tauchten unbequeme Fragen auf: Wo genau kam der verbaute chinesische Granit her? Unter welchen Arbeitsbedingungen wurde er aus dem Fels gebrochen? Stadtrat Hanspeter Lienhart räumte damals ein: «Dass die Pflastersteine aus China stammen, ist kein Ruhmesblatt für uns.» Als Begründung für den Entscheid führte er den «enormen Kostendruck» an. Das Schweizerische Arbeiterhilfswerk (SAH) fordert in einer Kampagne von den Gemeinden, die Einhaltung von sozialen Mindeststandards bei der Beschaffung gesetzlich festzuschreiben. «Mit einem jährlichen Beschaffungsvolumen von 36 Milliarden Franken hat die öffentliche Hand eine extreme Marktmacht», sagt Kampagnenleiter und Juso-Präsident Cédric Wermuth. Auf der Website des SAH schneiden die Unterländer Gemeinden schlecht ab. Nur gerade Buchs und Nürensdorf attestiert die Nichtregierungsorganisation bei der Beschaffung von Waren auf faire Produktionsbedingungen zu achten. Rechtliche Grenzen? Kein Thema ist die Herkunft von Steinen für den Strassenbau in Rafz. «Es wäre eine Überlegung wert», findet zwar René Strahm, Leiter des Bauamts. Die Verantwortung dafür liege jedoch bei Bund und Kantonen, die Gemeinden hätten keine Möglichkeit zur Einflussnahme. Auch Eglisau macht bei Aufträgen im Strassenbau keine Vorschriften. Gemeindeschreiber Kurt Forster sieht «submissionsrechtliche Probleme». Dass eine Sensibilität für das Thema und ein rechtlicher Handlungsspielraum durchaus bestehen, zeigt ein Augenschein bei Unterländer Gemeinden. In Kloten blitzte zwar im Frühling 2009 die SP-Forderung nach einem «fairen Beschaffungswesen» im Gemeinderat ab. Auf Weisung des Stadtrates ist die Herkunft von Natursteinen jedoch seit gut einem Jahr in den Richtlinien verankert. «Wir nehmen seither nur noch Steine aus Italien, Portugal oder der Schweiz», sagt Markus Maag, Leiter Tiefbau und Unterhalt. Kaum teurer Auch Wallisellen will keine asiatischen Steine im Boden. Die Gemeinde gibt jährlich rund 4 Millionen Franken für den Strassenbau aus und verlangt in Ausschreibungen, dass Natursteine aus der Schweiz oder dem europäischen Ausland kommen. Weniger formell handhabt es die Gemeinde Dietlikon. Heinrich Bräm, Leiter Unterhalt, beschreibt seine Praxis: «Wer sich an Ausschreibungen beteiligt, muss immer auch eine Offerte mit einheimischem Stein einreichen.» Die Preisunterschiede seien klein, da Naturstein jeweils einen geringen Teil der Gesamtkosten eines Projekts ausmache. Und er fügt an: «Wie das mein Nachfolger dereinst regelt, weiss ich natürlich nicht.» «Die Kontinuität muss gewährleistet sein. Und zwar nicht nur bei Pflastersteinen», sagt SAH-Kampagnenleiter Wermuth. Auch Polizeiuniformen oder Bettwäsche für Spitäler würden zum Teil unter prekären Umständen hergestellt. Mit der gesetzlichen Verankerung könnten die Gemeinden als grosse Abnehmer ein Zeichen setzen und die Produzenten zwingen, die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Ob in Bülach die Herkunft von Steinen bei der Vergabe von Bauaufträgen mittlerweile ein Kriterium ist, kann Markus Burkhard, Leiter Planung und Bau, nicht mit Bestimmtheit sagen. «Wir werden in Zukunft aber sicher stärker darauf achten», meint er. Schliesslich sei eines der Legislaturziele des Stadtrates die Einrichtung eines «Nachhaltigkeits-Management-Systems». Unter unbekannten Umständen hergestellt: Die Steine, die für die Sanierung der Bülacher Altstadt verlegt wurden. Foto: René Kälin

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