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RS-Viren sind für Kleinkinder gefährlicher als Grippe Wegen Erkältungsvirus mussten 2000 Kleinkinder ins Spital

Eine Welle mit ansteckenden Erkältungsviren fegt über die Schweiz und gefährdet Kinder unter einem Jahr. Arztpraxen und Spitäler sind am AnschlagAnsteckende RS-Viren brachten die Schweizer Spitäler in den vergangenen Wochen an den Anschlag. Die Erreger sind für Kleinkinder gefährlicher als die Grippe.

Von Felix Straumann Für Kinderärzte ist die Erkältungssaison dieses Jahr streng. Besonders aufreibend waren die vergangenen drei Wochen. Landesweit platzten die Arztpraxen und Kinderkliniken aus allen Nähten. Etwa am Inselspital Bern: «Wir hatten massive Kapazitätsprobleme», sagt Christoph Aebi, Klinikdirektor der Universitätsklinik für Kinderheilkunde. Weil es zu wenig Platz gab, musste er einen Teil seiner jungen Patienten in anderen Abteilungen unterbringen. Herzoperationen und andere chirurgische Eingriffe, die keine Notfälle sind, wurden zurückgestellt. Ebenso Einweisungen ins Spital, die nicht dringend waren. Und bei Risikoschwangerschaften mussten die Frauen zum Gebären in Spitäler verlegt werden, in denen man Kapazität hatte, um die Neugeborenen im Fall von Komplikationen zu betreuen. «Eine unangenehme Situation», sagt Aebi. Inzwischen hat sich die Lage etwas beruhigt. Nur für Kleinkinder gefährlich Schuld am Notstand trägt ein Virus. Nicht das Influenzavirus, das seit ein paar Tagen so häufig Menschen infizierte, dass der Grippe-Epidemie-Grenzwert überschritten ist. Der Erreger, der die Kinderkliniken laut Christoph Aebi «über den Rand der Kapazität» brachte, heisst RS-Virus, kurz für Respiratorisches-Synzytial-Virus (RSV). «Für einen Kinderarzt ist dieses Virus viel schlimmer als die Grippeerreger», sagt Christoph Aebi. Das Erkältungsvirus befällt zwar Menschen jeden Alters, gefährlich ist es aber vor allem für Kleinkinder unter einem Jahr. Im Durchschnitt sind bei jedem fünfzigsten die Symptome so bedenklich, dass es in Spitalpflege muss. Bei schweren RSV-Wellen, wie in diesem Jahr, sind es deutlich mehr. Diese Saison seien in der Schweiz bereits über 2000 kleine Patienten wegen RSV hospitalisiert worden, schätzt Aebi. Dieses Jahr war es besonders hektisch. «Die Welle ging sehr rasch, innert weniger Tage los», sagt Urs Hunziker, Chefarzt der Kinder- und Jugendabteilung des Kantonsspitals Winterthur, wo während der ersten und zweiten Januarwoche Kinder wegen Platzmangels nach Zürich ins Kinderspital und ins Triemlispital verlegt werden mussten. Gleichzeitig sorgte ein Magen-Darm-Virus für zusätzliche Komplikationen. Wenn das Atmen erschöpft Eine Infektion mit RS-Viren hat einen typischen Verlauf: Zuerst läuft die Nase, später wird das Sekret zäh. Darin vermehren sich die Viren dann und gelangen schliesslich in die Lungen. Dort befallen sie besonders die kleinen Bronchien, die sogenannten Bronchiolen. Die Entzündung lässt diese anschwellen, und es kommt zu einer Bronchiolitis. Ältere Kinder und Erwachsene werden damit meistens ohne Probleme fertig. Für Kleinkinder ist dies aber gefährlich. «Wegen der engeren Luftwege haben sie Probleme mit der Atmung», erklärt Hunziker. Um genug Luft zu bekommen, müssen sie sich anstrengen – was sie häufig erschöpft. Zusätzlich hindert die verstopfte Nase die Säuglinge am Trinken. Die Krankheit dauert rund sieben Tage, am stärksten sind die Symptome in der Regel am fünften Tag. Meist kann der Hausarzt helfen. «Er muss vor allem sicherstellen, dass das Kind genug trinkt und richtig atmet», sagt Aebi. Zudem muss der Hausarzt das Kind sorgsam kontrollieren, «im Extremfall täglich», sagt Aebi. Verschlimmert sich der Zustand müssen die kleinen Patienten ins Spital. Ebenso, wenn die Eltern überlastet sind. «Dann behalten wir die Kinder manchmal auch im Spital», sagt Philippe Goetschel, stellvertretender Chefarzt der Kinderklinik des Stadtspitals Triemli. Bekämpfen lässt sich das Virus nicht, die Kinder müssen die Infektion auch im Spital durchmachen. Die Ärzte können nur verhindern, dass die Situation gefährlich wird. «Wenn der Sauerstoffgehalt im Blut zu tief ist, führen wir zusätzlichen Sauerstoff über einen kleinen Schlauch vor die Nase», sagt Goetschel. Inhalierte Medikamente helfen, die Atemwege zu erweitern, und lassen die Entzündung in den Bronchien abschwellen. Manchmal schafft auch das Absaugen des zähen Schleims in den Atemwegen Linderung. Häufig werden die Kleinkinder zudem via Magensonde künstlich mit Milch ernährt. Bei rund jedem fünften Patienten müssen die Ärzte zusätzlich Mittelohr- oder seltener Lungenentzündungen mit Antibiotika behandeln, die sich wegen des geschwächten Immunsystems verbreiten. Die gegenwärtige RSV-Erkältungswelle ist zwar ein Ausnahmezustand – aber planbar. «In der Schweiz wechseln sich im Zweijahresrhythmus eine kleine und eine grosse Epidemie mit zwei- bis viermal mehr Krankheitsfällen ab», erklärt Aebi, der zu dem Thema verschiedene Studien publiziert hat. Warum, weiss niemand. Offenbar hat Deutschland die gleiche Periodizität, während sich in anderen Regionen die Wiederholungsfrequenz unterscheidet. Skandinavien hat wie die Schweiz einen Zweijahresrhythmus, jedoch um ein Jahr verschoben. Das ist ein Mysterium. Immerhin ermöglicht diese Regelmässigkeit, dass die Spitäler und Praxen auch ohne aufwendiges Monitoring für die grossen Epidemien Vorkehrungen treffen können. Das Virus verändert sich schnell Ähnlich wie die Influenzaviren ändern sich RS-Viren von Saison zu Saison. Auch wer eine Infektion durchgemacht hat, kann immer wieder erkranken. Das ist auch der Grund, wieso es bis heute nicht gelungen ist, einen bezahlbaren Impfstoff gegen die gefährlichen Viren zu entwickeln. Es existieren einzig Antikörper, die gespritzt für einige Wochen einen Schutz bieten. Diese sogenannte Passivimpfung ist allerdings sehr teuer und eignet sich nur für besonders gefährdete Risikopatienten – etwa sehr kleine Frühgeborene. Für dieses Jahr ist das Gröbste geschafft. «Die Welle ist am Abflachen», beobachtet Hunziker vom Kantonsspital Winterthur. «Wir können jetzt wieder ohne Probleme Kinder aufnehmen.» Zum Glück, denn nun steht die Grippewelle an. Zwar nicht in den Kinderkliniken, jedoch im Akutbereich erwarten die Ärzte erneut einen Ansturm. «Dies ist der Artikeltext. Er wiederholt sich jetzt mehrfach. Ein Weiterlesen ist nicht Mit RSV infizierte Lungen eines 15-monatigen Jungen.Foto: Scott Camazine (Phototake) Ein RS-Virus unter dem Mikroskop.Foto: SPL (Keystone) Bildlegende.Foto: Vorname Name, Agentur

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