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Von einem, der hinter die Fassaden der Opern hören will

Der Schweizer Regisseur Jossi Wieler ist neuerdings Intendant der Staatsoper Stuttgart. Morgen präsentiert er seine erste Premiere: Vincenzo Bellinis «La sonnambula».

Von Susanne Kübler, Stuttgart Donnerstagabend, Orchesterhauptprobe. Der Dirigent Gabriele Ferro ist nervös, es ist das alte Opernhausproblem: Im Orchester sitzen teilweise andere Musiker als bei der letzten Probe. Jossi Wieler hört ihm zu. Und sagt dann den entwaffnenden Satz: «Gabriele, möchtest du etwas trinken?» Es ist eine neue Situation für den Regisseur, der seit Beginn dieser Saison erstmals auch Intendant ist. Früher konnte er sich bei einer solchen Probe auf die künstlerische Arbeit konzentrieren, jetzt kommen die administrativen Fragen dazu. Ein Doppelstress? Wohl schon. Aber am anderen Morgen sitzt Wieler ganz entspannt beim Frühstück im Café gleich gegenüber der Staatsoper. Und erzählt von krank gewordenen Musikern, von der harmonischen Zusammenarbeit mit Ferro, von all den guten Leuten, auf die er sich in solchen Situationen verlassen kann und die denn auch die Lösung für das Problem bereits gefunden hätten. Da spricht der Intendant Wieler genau wie der Regisseur Wieler: Theater ist Teamarbeit, Kreativität eine kollektive Angelegenheit und Organisation eben auch. Deshalb gibt es eine Wieler-Familie, so wie es eine Marthaler-Familie gibt; teilweise überschneiden sich die Verwandtschaften. Der Dirigent Sylvain Cambreling, der in dieser Stuttgarter Saison Werke von Schönberg und Janacek dirigieren wird, bevor er nächstes Jahr als Generalmusikdirektor antritt, hat mehrfach mit Marthaler zusammengearbeitet. Und dann ist da vor allem Anna Viebrock, Jossi Wielers häufigste Ausstatterin seit 1983, die nun auch für «La sonnambula» wieder eine hinreissend muffige Wirtschaft gebaut hat. Darin treffen sich abgelebte Matronen, früh verblühte Mädchen, Dorfmachos. Dass die Sängerinnen und Sänger in den Hauptrollen wie im Chor nicht nur Anordnungen umsetzen, sondern mitdenken, mitgestalten: Das wird deutlich sichtbar bei dieser Probe. Der sprichwörtlich dumme Tenor könnte kein guter Tenor sein, sagt Wieler; «und wenn ich hier all diese grossartigen Leute habe, auf der Bühne, in der Technik, in der Administration – dann führt der Dialog viel weiter als die übliche Theaterhierarchie.» Treuer Regisseur Dialog, Team: Das sind hier keine Floskeln. Wieler ist einer der sehr wenigen Regisseure, die im Opernbereich stets als Duo auftreten, hier zusammen mit dem Dramaturgen Sergio Morabito, der nun auch im Stuttgarter Leitungsteam sitzt. Und es passt, dass er die erste Premiere dieser Saison, Berlioz’ «La damnation de Faust», seiner Hausregisseurin Andrea Moses überlassen hat (die ebenfalls in dieser «Sonnambula»-Probe sitzt). Wenn in den deutschen Medien über Wieler berichtet wird, dann wird stets seine Freundlichkeit erwähnt, seine uneitle Art, seine helvetische Bedächtigkeit. Und seine Treue gegenüber Personen und Institutionen. Wieler, geboren 1951 in Kreuzlingen und aufgewachsen in einer liberalen (und musikaffinen) jüdischen Familie, wanderte 1972 nach Israel aus. Dort studierte er Schauspielregie, las die Zeitschrift «Theater heute» und kam zum Schluss, er müsse zurück in den deutschsprachigen Theaterbetrieb. 1989 bis 1993 war er dann Hausregisseur in Basel; dem damaligen Intendanten Frank Baumbauer folgte er später nach Hamburg und zu den Münchner Kammerspielen. Auch mit Stuttgart verbindet ihn eine lange Geschichte: Hier ist er einst zum Opernregisseur geworden. 1994 war das, der Intendant Klaus Zehelein schlug ihm Mozarts «La clemenza di Tito» vor. Und brachte ihn, als Wieler zweifelte, mit dem Dramaturgen Sergio Morabito zusammen. Ein Glücksfall. Seither haben die beiden regelmässig hier inszeniert – und nun werden sie nur noch hier inszenieren. Denn Stuttgart ist für Wieler mehr als ein Ort, es ist eine Vision: jene eines Ensemble-Theaters, das ausserhalb des Karussells der Sänger und Regisseure ein unverwechselbares Profil entwickelt. «Im internationalen Betrieb sind immer die gleichen paar Namen unterwegs», sagt er, «wir gehörten da ja auch dazu.» Der Ausstieg war nicht nur leicht; die letzten Jahre hat Wieler «sehr gerne» in Berlin gewohnt, «der Umzug nach Stuttgart war nochmals eine grössere existenzielle Entscheidung». Auch der vorläufige Rückzug von der Schauspielregie fiel ihm schwer. Aber die Möglichkeit, hier etwas ganz Eigenes aufzubauen, «den Opernbetrieb neu zu justieren», mit Leuten, die er schon lange schätzt, war Anreiz genug.Es ist kein Zufall, dass er bei seiner ersten Premiere als Intendant an Vergangenes anknüpft, an Bellinis «Norma», die hier Kult geworden ist und ab März erneut gezeigt wird. Auch «La sonnambula» gilt als dramaturgisch unterkomplexe Sängerinnenoper – und auch hier widerlegt Wieler das Klischee. Natürlich, sagt er, habe es «Leerstellen» in der Geschichte um Amina, die Elvino heiraten soll, aber in der Nacht vor der Hochzeit als Schlafwandlerin ins Bett eines Fremden gerate. Genau diese Leerstellen haben ihn interessiert: «Bei Verdi sind die dramaturgischen Eingriffe in die Vorlagen von Shakespeare oder Schiller so perfekt, dass sie kaum Freiräume lassen. Bei Bellini ist das anders.» Aus Liebe wird Abscheu Da ist es etwa möglich, der Liebe zwischen Amina und Elvino zu misstrauen. Was verbindet denn die beiden ausser jener Terzenseligkeit, die man auch als Konvention hören kann? Nicht viel – die Pläne einer Mutter, die Erwartungen einer dörflichen Gesellschaft, die Sehnsucht nach einem Glück, von dem Amina noch gar nicht recht zu sagen wüsste, was das sein könnte. Und wie ist es mit der Schlafwandlerei? Auch sie ist ja vielleicht nur gespielt – in der Hoffnung, der Fremde biete einen Ausweg aus der emotionalen Sackgasse. Vieles bleibt möglich in dieser präzisen, dem Werk gegenüber durchaus respektvollen Inszenierung, in der nicht nur die berückende Ana Durlovski als Amina, sondern auch die Nebenrollen ein Gesicht und eine Geschichte erhalten. Es ist nicht das erste Mal, dass Wieler und Morabito eine Handlung umdeuten, Gefühle umlenken, Figuren neu charakterisieren. Immer wieder schauen sie hinter die Fassaden der Werke – und finden dort einen pubertären Siegfried oder die von Mozart nicht vorgesehene Gattin des Komturs, die im «Don Giovanni» über die Sitte wacht. In Basel hat Wieler einst in der «Entführung aus dem Serail» gar alle Beziehungen umgekehrt, Liebe in Abscheu und Hass in Liebe verwandelt. Das sei wohl ein bisschen überinterpretiert gewesen, sagt er heute, «das würde ich so nicht mehr machen». Einen solchen Satz hört man von Regisseuren selten. Bei Wieler klingt er auf höchst sympathische Weise normal. Premiere von «La sonnambula»: Staatsoper Stuttgart, 22. 1., 18 Uhr. Weitere Aufführungen bis zum 18. 3. www.oper-stuttgart.de Über Jossi Wieler ist kürzlich ein kluges, reich bebildertes Buch erschienen: Hajo Kurzenberger (Hg.): Jossi Wieler – Theater. Alexander-Verlag, Berlin 2011. 240 S. + DVD von Jelineks «Rechnitz (Der Würgeengel)», ca. 48 Fr. Die deutsche Kritik lobt seine uneitle Art: Jossi Wieler vor der Stuttgarter Oper. Foto: A. T. Schaefer

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