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«Wir brauchen alle - vom Baby bis zur Oma»

Bei Rudolf Rath spielen die Statisten die Hauptrolle. Er ist am Schauspielhaus Zürich dafür verantwortlich, dass auch die kleinen Rollen gut besetzt sind.

Sie suchen Statisten fürs Schauspielhaus. Ich melde mich! Ist das der Anfang meiner wunderbaren Karriere als Maria Stuart oder Mutter Courage?

Ganz ausgeschlossen ist das nicht. Ich hatte einmal einen Statisten, der spielte später in einer Fernsehserie mit. Doch ist das eher die Ausnahme. Es ist einfach eine gute Gelegenheit, richtig Theaterluft zu schnuppern. Ich stehe also als «Volk» auf der Bühne oder serviere dem König Lear einen Drink.

Zum Beispiel. Es kann aber auch anders kommen: In der letzten Saison kamen vier Mädchen als Statistinnen in der «Dreigroschenoper» zum Einsatz. Plötzlich hatte der Regisseur den Einfall, dass die eigentlich tanzen und singen müssten. Das taten sie dann mit grossem Spass und Erfolg. Und wenn dem Regisseur plötzlich einfällt, dass ich jetzt die Hosen runterlassen soll?

Dann gehen wir mit dieser delikaten Situation sehr behutsam um. Wir besprechen alles ausführlich, und ich warte mit dem Bademantel hinter den Kulissen. Und selbstverständlich kann man auch immer «Nein, das mache ich nicht» sagen. Wo nehmen Sie dann in der Eile einen Ersatz her?

Ich erinnere mich, wie ein Regisseur eines Nachmittags bei mir anklopfte und sagte, er brauche am nächsten Morgen einen Go-go-Tänzer. So jemanden fand ich nicht gerade in meiner Kartei. Da bin ich abends im Niederdorf von Bar zu Bar gestreift und fand schliesslich einen brasilianischen Tänzer. Er war wunderbar, und er grüsst mich heute noch freundlich, wenn wir uns zufällig wieder sehen. Müssen diese Statisten nicht wenigstens ein bisschen vom Fach sein?

Überhaupt nicht. Sie müssen nur ein Herz fürs Theater haben. Wir proben mit ihnen intensiv, sie haben Maske und Betreuung wie alle andern und werden meist sehr gut in die Theaterfamilie integriert. Im letzten Stück hatten wir beispielsweise eine Frau aus Lateinamerika, die üblicherweise Köchin in einer Schulkantine ist. Nun stand sie aufregend geschminkt und als Teil des Ensembles auf der Bühne. Mit solchen Geschichten könnte ich ein ganzes Buch füllen. Junge und Schöne haben aber bestimmt bessere Chancen, ausgewählt zu werden.

Nicht im Geringsten. Vielleicht will ja der nächste Regisseur einen einarmigen Chinesen, der Mundharmonika spielt. Wir brauchen vom Baby bis zur Oma jedes Alter und alle Typen. Einmal gab es eine ältere Dame, bei der sich auf der Bühne herausstellte, dass sie Stepp tanzen konnte. Der Regisseur hat das sofort eingebaut. Es war für alle eine richtige Freude. Worin genau besteht Ihre Aufgabe?

Ich rekrutiere und betreue die Statistinnen und Statisten - organisatorisch und menschlich. Ich erledige den Papierkram wie Verträge und Versicherungen. Spreche aber auch mit Schulpflegen, wenn wir ein Kind auf der Bühne haben. Und dann halte ich natürlich Händchen, wenn das grosse Lampenfieber einfährt. Ich weiss genau, wie es ihnen geht, denn ich stand früher selbst auf der Bühne - und hatte die Hosen voll. Wie viele Statisten brauchen Sie in der Regel?

Rund siebzig pro Jahr. Manche kommen regelmässig zum Zug. So kann es sein, dass der Regisseur sagt, den Otto nehmen wir wieder, weil er schon dazugehört. Gibt es Regisseure, bei denen Ihnen der Schreck in die Glieder fährt, wenn sie bei Ihnen anklopfen, weil deren Wünsche oft so ausgefallen sind? Christoph Marthaler?

Der Christoph gar nicht. Er hat meist seine Leute selber mitgebracht. Aber doch - einer: Der brauchte einfach immer riesige Mengen von Leuten auf der Bühne . . . Wer war das?

Das behalte ich lieber für mich, er kommt nämlich wieder. Es bestehen also gute Chancen für die Neuen, auch wirklich eine Rolle zu bekommen. * Rudolf Rath ist am Schauspielhaus Zürich für die Betreuung der Statisten zuständig.

Rudolf Rath muss pro Jahr 70 Statistinnen und Statisten betreuen und ihnen Händchen halten, wenn sie nervös sind.

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