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Woerth stets auf der Rennbahn, jetzt in die falsche Richtung

Der politische Aufstieg von Eric Woerth, Frankreichs Arbeitsminister, verlief schnell und steil. Ebenso geht es nun im Strudel des Sommerskandals bergab. Von Oliver Meiler, Marseille

Ausgerechnet Eric Woerth. Wenn sich die Franzosen das Bild ihrer amtierenden Regierung anschauten, schien ihnen ein Mann über jeden Verdacht erhaben. Eric Woerth hatte das Image einer grauen Maus, eines schüchternen und umgänglichen Technokraten ohne sonderliches Charisma, ohne Brillanz, von dem alle sagten, er sei ein «bosseur», ein Krampfer also, der jedes Dossier im Detail kenne. Die «Libération» fand, er habe einen traurigen Blick. Er ist kein Blender, wie es andere sind im Kabinett. Respektiert, aber nicht verehrt. Und immer sehr diskret agierend, ohne Drang ins Scheinwerferlicht. Einer, der sein Image des Durchschnittsbürgers regelrecht kultivierte, weil es seinen Aufstieg begünstigte. Kürzlich, als sich ein schwerer Verdacht auf seine vermeintliche Beispielhaftigkeit legte, fragte er rhetorisch: «Sehe ich denn aus wie einer, der Beihilfe zur Steuerflucht leistet?» Ausgerechnet dieser 54-Jährige steht nun im Zentrum einer sommerlichen Fortsetzungsgeschichte, die ständig neue Facetten und Episoden produziert, die von hässlichen Interessenvermengungen und käuflicher Politik kündet, von den Milliardenerben des Kosmetikkonzerns L’Oréal und deren reich vergüteten und wohl ebenso reich vergoltenen Vorliebe für rechte Politiker. Der Fall hat inzwischen einen Namen: «Affaire Woerth». Der Minister ist zum Gespött der Karikaturisten geworden, die früher nie inspiriert wurden durch ihn. Jedes Nachrichtenmagazin hatte ihn schon auf dem Titelblatt. Jetzt fragen sich in Frankreich alle, wie lange sich der Arbeitsminister, der gerade die Rentenreform verantwortet, noch halten kann. Wie lange er noch den Schutzschild gibt von Präsident Nicolas Sarkozy, seinem Mentor, der seinen Sturz politisch wohl kaum verkraften würde, und der ihn deshalb mit aller Macht stützt. Übersteht Woerth diesen Sommer? «Chouchou» des Präsidenten Vor drei Monaten war er noch der Star. Man nannte ihn den «Chochou» des Präsidenten, den Liebling. Woerth galt als möglicher nächster Premierminister. Schon in diesem Herbst, so hiess es, hätte Sarkozy ihn befördern können. Er hätte den Präsidenten nicht überstrahlt, wäre ihm sicherlich treu geblieben während der Kampagne für die Präsidentenwahl 2012, hätte seine sprichwörtliche Seriosität in den Dienst Sarkozys gestellt. Das war der Plan. Die schlechte Bilanz als Budgetminister, der er von 2007 bis April 2010 war, schadete ihm nicht. Unter Woerth, der das Prädikat «diszipliniert» vor sich her trug, explodierte das Staatsdefizit wie nie zuvor in Frankreichs Geschichte: von 40 auf über 100 Milliarden Euro in nur drei Jahren. Doch es war ja Krise. Und Sarkozy selber ist kein Sparer. Woerth machte sich im letzten August zudem einen Namen als Vorkämpfer gegen die Steuerflucht, gegen Steuerparadiese, gegen das Schweizer Bankgeheimnis. Er wedelte dafür mit einer Liste mit 3000 gestohlenen Kundennamen der Genfer Filiale einer internationalen Bank, der HSBC. Richtete eine Zelle zur Legalisierung versteckter Vermögen ein, lockte und drohte den «Sündern». Das wurde schnell sein Markenzeichen: «Jäger der Betrüger». Und er bildet sich bis heute viel darauf ein. In einem Fernsehinterview sagte er kürzlich zu seiner Verteidigung, in der Schweiz gebe es Leute, die ihn «auf den Tod» hassten. Nun ja. In Nanterre untersuchen Ermittler gerade den Verdacht, ob das Ehepaar Woerth wohl der Milliardärin Liliane Bettencourt, der Hauptaktionärin von L’Oréal, in der einen oder anderen Weise geholfen haben könnte beim Verstecken von Millionen. Seine Frau Florence arbeitete drei Jahre lang, just während seiner Amtszeit als Budgetminister, als Anlageberaterin der 87-jährigen Erbin. Elitärer Hintergrund Angeblich kam Madame und Monsieur Woerth nie der Gedanke, dass diese politisch-familiäre Verflechtung ein Problem sein könnte. Nun, da Florence Woerth unter dem Druck der Öffentlichkeit von dem mit 180 000 Euro jährlich entlöhnten Job zurückgetreten ist, sagt sie: «Ich habe unterschätzt, wie gross dieser Interessenkonflikt ist.» Tatsächlich? «Le Monde» titelte unlängst mit einem Wortspiel: «Das interessante Paar Woerth.» Eric und Florence, beides Kinder von Ärzten, bürgerlicher Hintergrund, lernten sich an der Universität kennen. Sie besuchten die Wirtschaftshochschule HEC, kein Hort der Linken. Eric hängte dann noch ein Studium an der Pariser Eliteuniversität Sciences Politiques an. Seine ersten Versuche, in den Stadtrat seiner Geburtsgemeinde im Département Oise gewählt zu werden, scheiterten. Seit 1995 ist er nun Bürgermeister von Chantilly, einer hübschen Kleinstadt mit Schloss und einer Pferderennbahn. Florence ist eine Pferdenärrin, das passt gut. Und das Paar mag die betuchte Haute Société, die Gesellschaft reicher Wetter und Züchter, die sich jeweils mit grossen Hüten und langen Kleidern zu den Rennen im «Hippodrome» einfinden. Von überall aus Frankreich kommen sie. Sie bilden den inneren Zirkel von Woerths Netzwerk. Als ihn vor 15 Jahren Alain Juppé, der damals Premier war, in sein Kabinett holte, behielt Woerth seinen Sitz im Verwaltungsrat der Beraterfirma Arthur Andersen: Die politische Karriere schien ihm nicht sicher genug. Und er kumulierte gerne, vermischte schon damals die Interessen. 2002 wurde er Schatzmeister der Gaullisten und organisierte fortan die Kollekte, zuerst für den Wahlkampf von Jacques Chirac. Er war darin so gut und sein Netzwerk so gross, dass Nicolas Sarkozy ihn auch für seine Kampagne 2007 in dieser Funktion wollte. Viele Kontakte zum Gotha der Geschäftswelt steuerte Florence bei, die grosse Vermögen verwaltete. Woerth brachte es auf 9 Millionen Euro, während die Sozialisten nur 750 000 Euro Spendengelder zusammentrugen. Die Spenden und die Checks Woerth fasste die besten Spender im «Premier Cercle» zusammen, im «ersten Zirkel» – 400 insgesamt. In der Wirtschaft würde man von Goldsponsoren reden. Laut Gesetz dürften sie jährlich nur 7500 Euro geben. Theoretisch. Diesen 400 Spendern aus dem französischen Wirtschafts-Establishment versprach Woerth exklusive Treffen mit dem Präsidenten, die meist im Pariser Hotel Bristol stattfinden, beim Elysée gleich um die Ecke. Und günstigere Steuern versprach man ihnen auch – ein Steuerschild für Reiche. Zuständig dafür wurde der Spendeneintreiber selber, Eric Woerth – als Budgetminister. Liliane Bettencourt zum Beispiel, der Arbeitgeberin von Frau Woerth, stellte das Budgetministerium von Herrn Woerth im letzten Jahr einen Check über 30 Millionen Euro aus. Es ist dies also keine sehr rühmliche Geschichte. Eher eine Geschichte voller legitimer Verdachtsmomente und Halbgewissheiten. Mit Eric Woerth, dem schnellen Aufsteiger und Saubermann, mittendrin. In der schillernden Hauptrolle. Ausgerechnet er. Eric und Florence mögen die Gesellschaft reicher Wetter und Züchter, die zu den Rennen kommen. Woerth sagt zu seiner Verteidigung, in der Schweiz gebe es Leute, die ihn «auf den Tod» hassten. Nun ja. Das Ehepaar Woerth verkehrt in der Haute Société und weiss, entsprechende Kontakte zu pflegen. Foto: Guibbaud-Gouhier ( Dukas)

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