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Zollausschlussgebiet Jestetten war ein Paradies für SchmugglerJestetter Zipfel zwischen 1840 und 1935

Vor 75 Jahren endete der Sonderfall. An der Grenze zum Unterland geschah allerhand Sonderbares. Die Deutschen zwischen Rafz und Schaffhausen waren fast Schweizer.

Geschichtliches Von Fahrettin Calislar Rafzerfeld/Jestetten – Attila Lardori ist im Berufsleben Stabsadjutant beim Grenzwachtkorps (GWK). In seiner Funktion als Informationsbeauftragter der Region Aargau und Zürich ist er am Flughafen stationiert. Er ist ein Staatsbediensteter mit einem Job, der von der Existenz einer Zollgrenze zwischen zwei Ländern lebt. Nebenbei hat Lardori eine Vorliebe für Geschichte. Intensiv hat er sich mit der Lokalhistorie des Zollausschlussgebietes (ZAG) Jestetten befasst. Das ist jenes deutsche Gebiet, das zwischen Neuhausen und Rafz liegt und fast total von der Schweiz umgeben ist (Kasten). Auf die Geschichte gestossen ist Lardori an einem Markt. «Mein Hobby ist die Notaphilie, das Banknotensammeln. In diesem Zusammenhang besuchte ich diesen Frühling einmal den Flohmarkt in der Altstadt von Winterthur», erinnert er sich. Interessiert blätterte Lardori in einem Album mit alten Banknoten und entdeckte plötzlich: «Papiergeld mit der Bezeichnung ‹Notgeld des Zollausschlussgebietes›.» Das wertlose Geld Die Note hatte einen aufgedruckten Wert von 100 000 Mark. Klingt nach viel, doch im Jahr 1923, als das Geld herausgegeben wurde, herrschte in Deutschland eine Hyperinflation, eine Geldentwertung unbekannten Ausmasses. 1924 wurde gar eine Note mit einem Nominalwert von 100 Billionen Mark herausgegeben. Der Betrag entsprach zu diesem Zeitpunkt einem Viertel-US-Dollar. Die Inflation endete mit der Einführung der neuen Rentenmark. «Die Note zeigte eine Abbildung des Rafzerfeldes und des Jestetter Zipfels», erzählt Lardori weiter. Dadurch weckte sie sein Interesse. Vor allem auch deshalb, weil «die Tatsache, das Zollbelange auf einer Banknote abgebildet sind, ein wohl eher seltener, für unsereins auch kurioser Umstand ist». Durch die Entdeckung wurde nicht nur das Interesse des Notensammlers geweckt, sondern vor allem auch das berufliche – es ging ja um Zollbelange. Zumal der «Sonderfall» des Zollausschlussgebietes mit der Integration in den deutschen Wirtschaftsraum in der Hitler-Zeit endete. Intensiv setzte er sich mit der Frage auseinander und schrieb einen Beitrag für die Lokalzeitungen. Beeindruckt war er insbesondere von der Dauer des Sonderfalls ZAG. 95 Jahre lang hielt er sich, allen politischen und wirtschaftlichen Widrigkeiten zum Trotz. Zugleich wunderte sich Lardori über die zum Teil brutale Gewalt, welche dann mit dem zeitweise überbordenden Schmuggel in der Region einher- ging. «Wirtschaftliche Not und die Aussicht auf Gewinn durch Ausnutzung von Notlagen lassen Menschen bis zum Äussersten gehen», sagt Lardori. Man solle und könne aus der Geschichte Lehren ziehen, sagt der Hobbyhistoriker. «Die Vergangenheit sollte man nicht ausser Acht lassen.» Denn so sei es möglich, Gegenwart und die Zukunft besser zu gestalten, auch wenn die betreffenden Ereignisse schon eine Weile her sind. Es sei auch klar, dass die damaligen Geschehnisse bis heute Spuren hinterlassen haben könnten. Die Geschichte des ZAG sei für ihn eine Art «Echo aus der Vergangenheit». «Für die Bevölkerung hatte es einen grossen Einfluss, der sich in gewisser Weise vielleicht bis heute auf einige Familiengeschichten auswirkt», nimmt Lardori an. Von Fahrettin Calislar Jestetten – Seine Form angenommen hat das Grenzgebiet zwischen Schaffhausen und Zürcher Unterland in der Mitte des 17. Jahrhunderts. Neben dem Rafzerfeld entstand der Jestetter Zipfel aus den Gemeinden Dettighofen, Jestetten und Lottstetten mit mehreren Weilern. Das Gebiet ist mit Deutschland nur über einen engen Durchgang verbunden, welcher zwischen Rafz und dem schaffhausischen Klettgau im Schnitt rund 800 Meter breit ist. Verantwortlich dafür ist ein verschuldeter Graf, der den Zürchern und Schaffhausern Land verkaufte, dazwischen aber ein kleines Gebiet behielt, um Geld aus dem Schiffs- und Strassenverkehr zu verdienen: eben diesen Jestetter Zipfel. Die Bewohner litten unter dieser speziellen Situation. Deshalb wurde 1840 das Zollausschlussgebiet Jestetten gegründet. Politisch ist ein Zollausschlussgebiet zwar Staatsgebiet des betreffenden Landes, doch das Zollgesetz findet darauf keine Anwendung. Waren können zoll- und steuerfrei gekauft werden und sind entsprechend günstiger als im «Zollinland», wie der Fachmann sagt. Sobald sie aber ins Zollgebiet eingeführt werden, sind sie abgabepflichtig. Ein Beispiel für ein ZAG in der Schweiz ist das Gebiet von Samnaun. Blühende Wirtschaft Im Fall des ZAG Jestetten hiess das, dass die «Grenze» zu Deutschland auf den erwähnten Engpass reduziert wurde, während die Schweizer Grenze bestehen blieb. Die Bewohner lebten zolltechnisch fast in einem Niemandsland. Sie konnten Waren zollfrei beziehen und exportieren. Die Wirtschaft entlang der Verkehrsachsen blühte auf. Erst recht, als entlang der Achse durch den Zipfel eine Schweizer Bahnstrecke entstand. Eine weitere Besonderheit ergab sich, als das Gebiet während des Ersten Weltkrieges zu einer wichtigen Achse für den Schmuggel zwischen der Schweiz und Deutschland wurde. «Das deutsche Jestetten selbst galt als Hauptschmugglernest, und eine Reihe von Personen befasste sich mit dem An- und Wiederverkauf von geschmuggelter Ware», schreibt Lardori. Die Deutschen wollten gar Undercover-Zöllner in Jestetten stationieren. Doch die Massnahmen fruchteten nicht. Teilweise kam es zu Kämpfen zwischen Schmugglern und Beamten. «Je länger der Krieg dauert, desto mehr wird der Charakter der Grenzbewohner verdorben und desto mehr breitet sich der Schleichhandel aus», zitiert Lardori einen deutschen Beamten von damals. Grenzwächter Lardori zählt verschiedene bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen Zöllnern und Schmugglern auf. Kurzfristig entstand – auch aus Schmugglerkreisen – eine Bewegung, welche den Anschluss an die Schweiz suchte. Die Krise der 1930er-Jahre und ein Handelsstreit zwischen den beiden Staaten machten der Entwicklung ein Ende. 1935 wurde die Aufhebung des 95 Jahre dauernden Sonderfalls verfügt. Jestetter Notgeld: Vorderseite (oben)und Hinterseite. Foto: PD Hinterseite Jestetter Notgeld. Foto: pd

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