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Zweideutiger Islamist im tunesischen Triumvirat

Das neue Tunesien erhält einen islamistischen Premier: Hamadi Jebali. Er gilt als Modernist.

Von Oliver Meiler In Tunesien jagen sich die historischen Ereignisse. Am Dienstag hat die kürzlich gewählte Konstituante, die verfassungsgebende Versammlung, ihre erste Sitzung abgehalten. Die 217 demokratisch gewählten Vertreter stimmten in die Nationalhymne ein und zollten mit einer Sure aus dem Koran den 300 Opfern der Revolution Tribut. Daraufhin schritten sie zur Besetzung der wichtigen Führungsposten. Drei Männer werden sich die Macht im neuen Tunesien teilen, bis die Konstituante ein neues Grundgesetz ausgearbeitet und Neuwahlen anberaumt haben wird. In einem Jahr soll es so weit sein. Tunesien avanciert seit dem Sturz von Zine al-Abidine Ben Ali im letzten Januar in erstaunlichem Tempo. Am erstaunlichsten muss dieses Tempo dem Trio selber vorkommen, das die Übergangsphase im postrevolutionären Tunesien nun an höchster Stelle begleiten werden: Moncef Marzouki (66), der künftige Präsident, Hamadi Jebali (62), der designierte Premier, und Mustapha Ben Jafaar (74), der bereits gewählte Vorsitzende der Konstituante. Alle drei waren bis zuletzt erbitterte Gegner von Ben Ali. Es verbindet sie auch, dass sie alle in Frankreich studiert haben: Marzouki ist Neurologe, Jebali Ingenieur, Ben Jafaar Radiologe. Ansonsten aber mutet ihre Koalition in den Augen vieler liberaler Tunesier wie eine unheilige Allianz an: Marzouki ist ein linker Menschenrechtler, der mit seinem Congrès pour la République 29 Sitze gewann; Ben Jafaar ist ein Sozialdemokrat, dessen Partei Ettakatol mit 20 Sitzen schlechter abschnitt als erwartet; und Jebali ist Generalsekretär der islamistischen Partei Ennahda, mit 89 Sitzen die grosse und noch undurchschaubare Siegerin der Wahlen. Passt das zusammen: Laizisten und Islamisten? Marzouki pflegt zu argumentieren, Ennahda sei als konservative Partei mit religiös inspirierten Grundwerten durchaus mit der CSU in Bayern zu vergleichen. Er sehe deshalb kein Problem. Demokratie und Religionsfreiheit Jebali wird der neue starke Mann im Land. Innerhalb seiner Partei gilt er als Modernist. Doch er fällt immer wieder mit zweideutigen Aussagen auf, die seine säkularen Alliierten verstören. Der Deal des Triumvirats für die Machtteilung, der unter Ausschluss der Öffentlichkeit ausgehandelt wurde, wäre fast gescheitert, weil Jebali bei einem öffentlichen Auftritt von einem tunesischen Kalifat geredet hatte &endash «so Allah will». Später sagte er, die Bemerkung sei aus dem Kontext gezerrt worden. Oft bezeugte er schon seine «unumstössliche» Treue zur Demokratie, zu Religionsfreiheit und zu den rechtlichen Errungenschaft für die tunesischen Frauen. Auch schloss er schon mehrmals aus, dass die Islamisten das Tragen von Bikinis und den Ausschank von Alkohol in den Badeorten des Tourismuslandes verbieten wollten. Und von einem Kopftuchzwang wolle man auch absehen. Doch oft vermischen sich in Jebalis Diskurs Religion und Politik, obschon er die beiden Bereiche zu trennen gelobt. Jebali sagte einmal, den islamistischen Weg habe er entdeckt, als er in Frankreich studierte und lebte &endash in einer Pariser Banlieue. Nach seiner Rückkehr schloss er sich Ennahda an und arbeitete als Journalist. Ein kritischer Artikel über die Militärjustiz trug ihm bereits in den 80er-Jahren eine Festnahme ein. Er kam bald wieder frei. Doch 1992 liess ihn Ben Ali erneut verhaften. Es war die Zeit, als Zehntausende Mitglieder von Ennahda nach kurzen und fragwürdigen Verfahren weggesperrt wurden. Wegen angeblicher Subversion und Zugehörigkeit zu einer illegalen Organisation wurde Jebali zu 16 Jahren Haft verurteilt. 10 Jahre verbrachte er in Einzelhaft. Doch er zerbrach daran nicht. Als Ben Ali weg war, wurde Ennahda wieder zugelassen, aktivierte ihr Netzwerk, das im Untergrund fortbestanden hatte. Jebali führte die Partei zum Wahlsieg und machte seinen Anspruch auf den Posten des Premiers umgehend geltend. Nun tritt er den Beweis seiner «unumstösslichen» Versprechen an. Hamadi Jebali. Moncef Marzouki. Mustapha Ben Jafaar.

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