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«Der Sex ist weg»

Peter Preissle, Pornoproduzent und langjähriger Niederdorf-Bewohner, erinnert sich an alte Zeiten. Damals, als in der Altstadt noch keine «Beamten» wohnten.

Der Pornoproduzent Petre Preissle sagt rückblickend: «Das Dörfli war unser Zuhause, die Spunten unsere Wohnzimmer.»
Der Pornoproduzent Petre Preissle sagt rückblickend: «Das Dörfli war unser Zuhause, die Spunten unsere Wohnzimmer.»
Reto Oeschger
Im ehemaligen Sexkino feiern nun Kinder ihren Geburtstag. Das Kino Stüssihof zeigte seit 1981 Pornofilme.
Im ehemaligen Sexkino feiern nun Kinder ihren Geburtstag. Das Kino Stüssihof zeigte seit 1981 Pornofilme.
Urs Flüeler, Keystone
Eines von zwei Exemplaren in der Schweiz: Der Ticketautomat an der Gräbligasse im Niederdorf. Am Strassenstrichautomat müssen Prostituierte, die in Zürich auf dem Strassenstrich anschaffen, ein Ticket für 5 Franken lösen.
Eines von zwei Exemplaren in der Schweiz: Der Ticketautomat an der Gräbligasse im Niederdorf. Am Strassenstrichautomat müssen Prostituierte, die in Zürich auf dem Strassenstrich anschaffen, ein Ticket für 5 Franken lösen.
«Tages-Anzeiger»
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Vor zehn Jahren schrieben Sie in einem Beitrag, dass das Niederdorf teurer, braver und ruhiger geworden ist. Hat sich die Lage seither verändert? Ja, es ist inzwischen noch teurer, noch braver und noch ruhiger geworden. Vor ein paar Jahren reichten Bewohner eine Lärmbeschwerde unter dem Slogan «hier wohnen Leute» ein. Stattdessen hätte es «hier wohnen Beamte» heissen müssen. Menschen, die den ganzen Tag schlafen, am Abend nach Hause kommen und weiterschlafen.

War früher alles besser? Vielleicht nicht besser, aber lauter. Ich hatte meine wilde Zeit ab Mitte 70er- bis in die 90er-Jahre. Das Dörfli war unser Zuhause, die Spunten unsere Wohnzimmer: Fantasio, Alt Züri, Castel, Casa Bar, Malatesta, Tiefer Keller, Pigalle Bar, Adler Bar, Haifisch-Bar oder Schöchli Schmitte - alles ehrenwerte Bars und Stripschuppen, die nun Konditoreien, Hotels oder Business-Appartements gewichen sind. Das einzige, was noch laut ist, sind die Polterabende. Der Sex ist weg!

Zumindest die Haifisch-Bar existiert noch. Es ist nicht dasselbe. Heute handelt es sich um einen biederen Stripschuppen, in dem - mit viel Glück - eine der Frauen mal ihr Höschen verliert. Früher gab es echte Attraktionen und es war der Ort, an dem die Punkbands nach dem Konzert ihre Gage verpulverten. Ich erinnere mich an Captain Joe, der mit seinen Schimpansen auftrat. Oder den Zauberer, der seine Assistentin zum verschwinden und ein regelrechtes Krokodil zum Vorschein brachte und einen Mann aus dem Kongo, der mit seinen Zähnen einen Tisch heben konnte.

Und dann gab es jeden Abend Ramba-Zamba bis die Polizei kam? Um Mitternacht war jeweils Polizeistunde. Die Leute strömten scharenweise auf die Gasse, es war ein Höllenlärm. Trotzdem war noch lange nicht Schluss. Lokale mit Tavernenrecht wie die Splendid-Bar, das Swiss-Chalet oder das Hotel Schiff hatten länger geöffnet. Um 5 Uhr morgens konnte man in Spunten wie dem Fantasio bereits den ersten Imbiss kaufen. Es gab drei Menus auf der Karte: Schnitzel mit Pommes, Kotelett mit Pommes und Entrecôte mit Pommes – deftiges Essen für die Schichtarbeiter.

Es war laut, es war verrucht. Besass das Dörfli auch etwas Glamour? Es trafen sich die Leute, die Zürich prägten: Künstler, Journalisten und begabte Werker. Varlin, Adolf Herbst, David Weiss oder Arnold Steffen hatten nicht nur Ateliers in der Altstadt, sondern auch Läden. Von Steffen hatte ich ein wenig Angst, da er immer grausam besoffen war. Mancher Künstler kam von weit her, um Material einzukaufen und in der Mala oder dem Tiefen Keller die einheimischen Künstler zu treffen. Auch der eher zurückgezogen lebende H. R. Giger nahm am wilden Dörfli-Leben teil. Das Niederdorf war der Abenteuerspielplatz schlechthin.

Galten Sie als Pornoproduzent nicht als Aussenseiter? Ich stieg erst Ende der 1970er-Jahre ins Pornogeschäft ein. Den Respekt der Szene hatte ich mir zuvor als Punker erarbeitet. Ich organisierte Konzerte wie jenes der Ramones, war Mitherausgeber der Musikzeitschrift «No Fun» und betrank mich mit Bob Geldof. Um die Verluste meiner Projekte zu finanzieren, arbeitete ich als Treuhänder, Plattenhändler oder trat als DJ Preissle auf.

Wie kamen Sie ins Pornogeschäft? Punk und Porno passten einfach zusammen. Als ich 1979 ins Filmgeschäft einstieg, musste ich dafür noch keine Krawatte und Freierschale tragen. Es war Underground und heute ist es Mainstream. Porno ist heute nur noch forcierte Erotik. Anlässe wie die Porny Days (Anm. d. Red.: ein Sexfilmfestival) werden gar von der Stadt unterstützt. Was ist eigentlich Pornographie im Wandel der Zeit? Wenn ich unsere früheren Produkte zeige und sage das sei Porno, meinen alle ich mache einen schlechten Witz.

Wie nahmen Sie in der Pornobranche die rasante Verbreitung von HIV wahr? Mitte der 1970er Jahre war in Zürich noch kein HIV. Man hörte aus Amerika vom «Schwulenkrebs» und war etwas beunruhigt. Die Drogenszene war noch überschaubar und bewegte sich im Raum Bellevue, Riviera und Hirschenplatz. Erst Ende der 1980er-Jahre fand die Auslagerung zum Platzspitz statt und Zürich entwickelte sich zum Magneten für Drogensüchtige. Damit kamen auch die Probleme mit dem HIV. An der aktuellen Aufwertung des Niederdorfs sind auch Sie beteiligt. Im neuen Stüssihof koordinieren Sie das Filmprogramm: Statt Pornos gibt es nun Dällebach-Kari und Familienfilme zu sehen. Verdreht es Ihnen da nicht den Magen? Nein, dahinter kann ich stehen. Edi Stöckli (Anm. d. Red: Betreiber des Kinos) und mir war es wichtig, den Stüssihof zu erhalten. Wir sind Filmfanatiker und konnten eine Plattform für Schweizer Filme schaffen, wie sie es sonst nirgends in Zürich gibt.

Wo steht das Niederdorf in fünf Jahren? Entsteht ein zweites Seefeld? Vom Stüssihof bis zum Central, wie auch an der Langstrasse sollte die Stadt Sonderausgangszonen errichten. Das Nachtleben wird sonst immer weiter an den Stadtrand gedrängt. Doch irgendwohin müssen die Leute doch in den Ausgang, verdammt nochmal! Ich kann mir auch vorstellen, dass es zu einer Renaissance des Dörflis kommt.

Weshalb? Erste Leute zieht es bereits wieder ins Dörfli, weil das Langstrassenquartier oder Zürich West – der sogenannte Aargauer-Balken – auch nicht attraktiver werden. Dort werden alte und schöne Bauten abgerissen. Das ist im Niederdorf nicht möglich, weil dies der Heimatschutz verhindert. Es sind die selben, alten Gassen, nur hinter der Kulisse sieht es ein wenig anders aus.

Gibt es noch Lokale, die an die alte Niederdorf-Zeit erinnern? Ein paar wenige wie etwa das Kontiki, das Splendid oder die Züri-Bar – unser Altersheim.

Altersheim? Da sassen früher die alten Säcke und da sitzen sie heute noch.

Sie auch? Manchmal. Meist lasse ich es jedoch ruhiger angehen. Heute bin ich vor allem Jäger und Sammler schöner Bilder und Möbel. Oder ich schaue zu Hause einen Film.

Pornofilme? Nein, das habe ich 35 Jahre lang getan. Meine Leidenschaft gilt jetzt den Dokumentar- und Schweizerfilmen. Nun kaufe ich sie auf Blue-Ray statt auf Videokassetten.

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