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Die eigentlichen Stars der WM

Jeder kennt Shaqiri und Co., doch wer kennt die Putzmänner der Langstrasse? Ein Tribut an die wahren Helden.

Die Männer von der Stadtreinigung wischen im Morgengrauen den Müll weg – während die Party an der Langstrasse immer noch nicht zu Ende ist. Fotos: Dominique Meienberg
Die Männer von der Stadtreinigung wischen im Morgengrauen den Müll weg – während die Party an der Langstrasse immer noch nicht zu Ende ist. Fotos: Dominique Meienberg

Die Schuhe bleiben bei jedem Schritt am Boden kleben, es riecht streng nach Bier, und das Auge sieht nur noch Abfall. Leere Flaschen, Plastikbecher, zerknüllte Zigarettenpäckli auf den Fenstersimsen, auf den Treppen der Hauseingänge, auf Schaufenstervorsprüngen, VBZ-Ticketautomaten. Und was dort keinen Platz fand, liegt auf dem Trottoir.

Der Achtelfinal zwischen Uruguay und Portugal ist seit sechs Stunden vorbei, zaghaft dämmert der Sonntagmorgen. Die Zürcher Langstrasse, von der Unterführung bis hinauf zum Helvetiaplatz, ist mitgenommen vom schweren Abend des Sommertags, vom samstäglichen Betäubnisritual der Ausgangs- und Feierszene. Champagner- und Whiskyflaschen, halb leere Bierdosen, Essensreste und viele Überbleibsel, die keiner sehen will. Überall Zigarettenstummel. In den Seitenstrassen manch streng riechende Wolken von Urin.

Es ist kurz nach vier Uhr. Wir sind mit Stephan Ilg unterwegs, Leiter Abteilung Region West der Stadtreinigung, und mit seiner Putzequipe, vier städtischen Angestellten. Sie sind die wichtigsten Personen zu dieser Zeit, auch wenn sie keiner kennt. Sie heissen Simon, Raffaele, Said und Peter. Fünf zusätzliche Mitarbeiter sind im Auftrag beschäftigt, unter ihnen der Vorwischer Abdi aus Somalia. Er wischt den Müll von den Abstellflächen aufs Trottoir und von da mit dem Rest auf die Strasse, wo eine Kehrsaugmaschine schluckt, was sie kann und doch nicht alles schafft. So muss jede Strecke zwei- bis dreimal befahren werden, bis Müll und Scherben beseitigt sind. Ilgs Truppe trägt es mit Fassung: «Meine Mitarbeiter nehmen ihren Job sportlich; sie sind ziemlich schmerzfrei.»

24-Stunden-Shops ein Problem

Auf der Langstrasse herrscht noch immer Hochbetrieb. Leute aller Couleur, jung bis alt, herausgeputzt bis heruntergekommen, sie scheinen noch immer auf etwas zu warten oder auch nur darauf, den Nachhauseweg doch noch ­irgendwann zu schaffen. Die Zahl der Prostituierten übersteigt die Nachfrage bei weitem. Gesprächsfetzen, Sprüche, selten mit Zusammenhang. Menschen, die sich an allem festhalten, was den Morgen noch aufschiebt, und sei es nur der Pappbecher in der Hand mit dem Wodka aus dem 24-Stunden-Shop.

Video: Party an der Langstrasse

In Zürich feiern die Fussballfans der Schweiz und von Brasilien gemeinsam. Video: Tamedia

«Seit es diese Läden gibt, ist das Abfallproblem deutlich gestiegen», sagt Ilg. Seine Männer verrichten ihren Job, räumen den achtlos weggeworfenen Müll des Partyvolks und der vielen Fussballbegeisterten beiseite mit der Gelassenheit der Mütter von Teenagern, die jeden Tag von neuem für Ordnung sorgen müssen. Die Männer kommen aus der Schweiz, aus Spanien, Portugal, dem Libanon oder aus Sri Lanka, aus dem ehemaligen Jugoslawien. Es ist eine Multikultitruppe, wie die Nationalelf. «Aber mit Amtssprache Deutsch», betont Ilg. «Wir stellen niemanden ein, der nicht Deutsch spricht.»

Scherben, Kondome, Velos

Kurz vor fünf Uhr fährt der erste Bus über die Militärstrasse vor. Glas knirscht unter seinen Pneus. Bis zum Punkt, wo alles sauber ist, ist es noch weit. Raffaeles Putzwagen leidet grade an Verstopfung, die er mit einer Eisenstange beseitigt. Er tut es sorgfältig. Den Putzwagen muss man Sorge tragen, «die sind teurer als ein Ferrari», sagt Ilg.

Auf der Langstrasse reihen sich die Taxis. Die Kolonne erschwert der Mannschaft die Arbeit. Vor dem Zurigo wischt ein Privater das Trottoir. «Das kommt selten vor», sagt Ilg trocken. Aber in dieser Nacht wischt auch einer vor dem Gambrinus. Der Tag soll frisch beginnen. Um sechs Uhr kommt Vorwischer Said bei der Lambadabar an. Er räumt Dutzende aufgerissener Kondom-Verpackungen weg, die jemand in der Nacht verteilt hatte. Bis um sieben wird er bis zum Helvetiaplatz vorgestossen sein. Danach gehts auf die andere Strassenseite und wieder runter Richtung Unterführung, den ganzen Weg zurück.

Es gibt hier fast nur Taxis und Fussgänger, kaum je ein Privatauto, gar nie einen Velofahrer zu sehen. Kein Wunder, er käme nicht weit auf diesem Scherbenparcours. Am Strassenrand aber steht oder liegt hie und da ein Fahrrad, scheinbar achtlos hingeworfen wie ein weiteres Stück Müll. Eines liegt mitten in der Busspur. Der Chauffeur bittet Ilg, das Velo wegzuräumen. Der Bus passiert, und zwanzig Meter weiter hinten wirft einer mit dem letzten Aufwallen des Alkohols im Blut das Velo wieder auf die Strasse.

Sind morgens um 4 Uhr noch zu viele Leute auf der Strasse, fahren Polizeiautos den Wischern voraus.

Eine typische Sommernacht an der Langstrasse. Nichts wirklich Besonderes. «Es sind halt günstige Voraussetzungen», sagt Stephan Ilg, «fast noch Vollmond und Zahltag, schönes Wetter und zwei Fussballspiele.»

Das Wochenende beginnt für die Stadtreinigung eigentlich schon am Donnerstag. Von da an wird es immer intensiver, bis in der Samstagnacht. Da ist es schon vorgekommen, dass wegen der vielen Nachtschwärmer Polizeiautos den Putzmannschaften vorausfahren mussten, damit sie ihren Job machen konnten. Nicht, weil die Leute aggressiv reagiert hätten. «Das kam in den letzten zwanzig Jahren nur ein einziges Mal vor», sagt Ilg, «sondern einfach, weil es zu viele Menschen auf der Strasse hatte am Morgen um vier.»

Um sechs Uhr dröhnt immer noch Musik aus einigen Clubs, und immer noch wollen die Menschen nicht nach Hause. Rund die Hälfte der Strasse Richtung Helvetiaplatz ist gemacht. Doch nur knapp das Gröbste ist geräumt, vieles schon wieder zugemüllt. Bis um 13 Uhr dauert der Einsatz der Säuberungsteams noch. Kaum zehn Stunden später wird neuer Müll auf der Strasse liegen. «Nach 22 Uhr abends kippt es», sagt Ilg. «Unter Alkoholeinfluss tun viele Menschen Dinge, die sie nüchtern nie tun würden.» Der Wille, den Abfall in den Kübel zu werfen, sei zwar vorhanden, «aber nur bis zu einer Armlänge».

Frühmorgendliches Aufräumen nach einer Sommernacht an der Langstrasse.
Frühmorgendliches Aufräumen nach einer Sommernacht an der Langstrasse.

Ilgs Equipe putzt die Langstrasse 365 Tage im Jahr, von morgens 4 bis nachts um 22 Uhr. Wenn vor Tagesanbruch immer noch zu viele Leute unterwegs sind, beginnen seine Mitarbeiter in den Nebenstrassen. Zwei Kehrsaugmaschinen sind im Einsatz, zudem ein Transporter als sogenannter Lader. Auf diesen lädt die Mannschaft den Inhalt von 170 überquellenden Abfalleimern im Quartier. Der mit Pneuabrieb verunreinigte Müll von der Strasse kommt ins Hagenholz, der Inhalt der Abfallkübel in das Kehrichtheizkraftwerk Josefstrasse.

Ein Chef mit Vorbildfunktion

Natürlich haben die Helden der Nacht, wie die Teams der WM, ihren Trainer stets dabei. «Führung vor Ort», nennt das Ilg. «Damit die Mitarbeitenden eine Kontaktstelle haben, wenn etwas nicht nach Plan läuft.» Sie sind keine Amateure. Entgegen der allgemeinen Annahme, jeder könne diesen Job machen, stellt die Zürcher Stadtreinigung niemanden ohne Lehrabschluss ein. «Es ist kein einfacher Job, unsere Mitarbeitenden sind gut ausgebildet, und sie müssen mit modernen Maschinen umgehen können.» Ilg nimmt seine Vorbildfunktion genau, die Kippen der Zigaretten, die er bei dieser Arbeit raucht, steckt er in seine Jackentasche.

Es ist 8 Uhr früh am Sonntag. Auf der Piazza Cella vor der Longstreet-Bar sitzen, weil sie nicht mehr stehen können, die letzten Überlebenden der Nacht. Die Morgensonne verspricht einen heissen Tag. Die Strasse wirkt schon wieder halbwegs frisch gemacht. Nur der Anblick des Pissoirs – auf dem schon Frauen gesichtet worden sein sollen – ist nüchtern kaum zu ertragen. Obwohl es bereits einmal gereinigt wurde.

Der Sommer an der Langstrasse hat eben erst begonnen. Es kommen die Finalspiele der WM, und am nächsten Wochenende findet auch noch das Latin-Festival Caliente statt. Ilg weiss aus Erfahrung: «Da wirds dann noch schlimmer.»

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